Open-access Von gehenden Kelchen. Der Ausdruck von Ereignissen in der deutschen Lutherbibel (2017). Eine typologische Analyse basierend auf Talmy

Of Walking Chalices: The Expression of Events in the German Lutheran Bible (2017). A Typological Analysis Based on Talmy

Zusammenfassung

In dieser Arbeit wird der Ausdruck von Ereignissen in der deutschsprachigen Ausgabe der Lutherbibel von 2017 basierend auf der Typologie von Leonard Talmy untersucht. Talmy unterscheidet Sprachen danach, wie Bewegung lexikalisiert wird. Dominant dabei sind ‚Manier‘ und ‚Pfad‘, wobei Deutsch als Satelliten-Sprache klassifiziert wird. Pfad wird also außerhalb des Verbs ausgedrückt. Eine detaillierte Analyse von Matthäus Kapitel 26 und 27 zeigt, dass auch im biblischen Kontext das Deutsche Manier vorwiegend in Verbstämmen ausdrückt, während Pfad dominant durch Präpositionen, Partikeln und Präfixe repräsentiert wird. Eine hohe Anzahl an Verbstämmen wie Besitzwechselverben kodieren jedoch sowohl Pfad als auch Manier. Die Ergebnisse unterstützen Talmys Typologie und zeigen, dass die semantische Kodierung von Bewegungsereignissen auch in literarischen und übersetzen Texten erhalten bleibt und keinem allgemeingültigen Konzept entsprechen.

Schlüsselwörter
Bewegungsereignisse; Typologie; Kognitionslinguistik; Bibelübersetzung; Satelliten vs. Verb-Framing

Abstract

This paper examines the expression of events in the German 2017 edition of the Luther Bible based on Leonard Talmy’s typology. Talmy distinguishes languages according to how motion is lexicalized. The dominant categories are ‘manner’ and ‘path’, with German classified as a satellite-framed language. Path is therefore expressed outside of the verb. A detailed analysis of Matthew chapters 26 and 27 shows that, even in the biblical context, German predominantly expresses manner in verbs, while path is mainly represented through prepositions, particles and prefixes. Moreover, a large number of verb stems including possession-change verbs, encode both path and manner. The results support Talmy’s typology and demonstrate that the semantic encoding of motion events is preserved in both literary and translated texts, and does not correspond to a universally valid concept.

Keywords
motion events; typology; cognitive linguistics; Bible translation; satellite- vs. verb-framed

Resumo

Com base na tipologia de Leonard Talmy, este trabalho investiga a expressão de eventos na edição em alemão da Bíblia de Lutero de 2017. Talmy distingue as línguas de acordo com a forma como o movimento é lexicalizado. Os elementos dominantes nesse contexto são ‘modo’ e ‘trajeto’, sendo o alemão classificado como uma língua satélite, ou seja, o trajeto é expresso fora do verbo. Uma análise detalhada dos capítulos 26 e 27 do Evangelho de Mateus mostra que, mesmo no contexto bíblico, o alemão expressa predominantemente o modo por meio do radical verbal, enquanto o trajeto é representado principalmente por preposições, partículas e prefixos. Um grande número de radicais verbais, como os verbos de transferência de posse, codifica tanto o trajeto quanto o modo. Os resultados apoiam a tipologia de Talmy e mostram que a codificação semântica de eventos de movimento se mantém também em textos literários e traduzidos, não correspondendo a um conceito universal.

Palavras-chave
eventos de movimento; tipologia; linguística cognitiva; tradução da Bíblia; línguas de enquadramento por satélite vs. verbal

1 Einleitung

Die Bibel ist Weltliteratur (vgl. Dohmen und Hieke 2019: 9) und hat es als das weltweit meistverkaufte ‚Buch‘ sogar in das Guiness-Buch der Rekorde (2021) geschafft. Dort heißt es: „It is impossible to know exactly how many copies have been printed in the roughly 1.500 years since its contents were standardized, but research […] suggests that the total number probably lies between 5 and 7 billion copies.“ Die Bibel, bei der es sich eigentlich um eine Schriftensammlung handelt, hat die westliche Kultur mehr geprägt als jedes andere literarische Werk (vgl. Dohmen und Hieke 2019: 9). Sie spiegelt sich in der Kunst, Literatur und Musik verschiedener Epochen sowie Stilrichtungen bis heute wider und bietet bedeutende Motive für die Film- und Medienbranche (vgl. ebd.: 11). Doch nicht nur die Auslegung der darin enthaltenen Texte, sondern auch die gesellschaftliche Bedeutung der Bibel hat besonders in den amerikanischen Ländern politische Brisanz erreicht (Blake 2023: 151 und Lapper 2021: 151).

Während also die Bibel als Literatur die Kultur beeinflusst, stellt sich im Gegenzug die Frage, ob und inwiefern eine Kultur – und damit Sprache – ebenso die Texte beeinflusst. Gerade die Bibel ist hier von Relevanz, da sie in der Regel in Übersetzungen verwendet wird, wobei ein Bedeutungssystem in eine (andere) Sprache übertragen wird. Die Sprachwissenschaft untersucht hier die Beziehung zwischen Sprache und Kognition, insbesondere, wie Konzepte in verschiedenen Sprachen dargestellt werden und wie sprachliche Strukturen die Wahrnehmung der Welt beeinflussen. Diesen Fragen widmet sich u. a. der US-amerikanische Linguist Leonard Talmy (2007). Sein Ziel ist es, systematische Relationen zwischen Bedeutung und sprachlicher Form zu finden. Er untersucht formale Elemente auf ihre Bedeutungen und semantische Elemente auf ihren formalen Ausdruck. Der Hauptfokus liegt dabei auf Bewegungsereignissen, da sie als grundlegend für die menschliche Kognition betrachtet werden (vgl. auch Guse 2024: 16). Talmy formuliert dazu mehrere semantische Kategorien und typologisiert Sprachen danach, ob sie im Verbstamm eher eine Manier (z. B. ‚rennen‘) oder einen Pfad (z. B. ‚exit‘) ausdrücken (vgl. ebd.: 17). Seine und ähnliche Theorien basieren oft auf einem induktiven Ansatz: Es werden hypothetische Phrasen konstruiert, die dann zwischen verschiedenen Sprachen verglichen werden. Inzwischen gibt es eine Reihe von Studien, die die Typologie empirisch überprüfen (vgl. u.a. Slobin 2004). Für ein so spezifisches Werk wie die Bibel wurde ein solcher Vergleich jedoch bisher nicht gezogen. Des Weiteren betont Crystal (2018: 3f.), dass religiöse Sprache ein breites und bedeutendes Feld für sprachwissenschaftliche Untersuchungen biete, dessen Potenzial in den letzten Jahrzehnten nur unzureichend ausgeschöpft wurde.

Ziel ist es daher, einen deutschen biblischen Text mithilfe von Talmys Theorie und weiterführender Forschung in einen linguistischen Kontext zu setzen, um zu überprüfen, inwiefern sich die Merkmale der Typologie auch in einem literarischen sowie übersetzten Text nachweisen lassen. Können Evidenzen für die Typologie in der Bibel gefunden werden? Inwiefern beeinflusst die Typologie die Texte? Es sollen Rückschlüsse darüber gezogen werden, wie stark das jeweilige Sprachsystem die sprachliche Gestaltung eines Textes beeinflussen kann. Dazu erfolgt basierend auf dem theoretischen Hintergrund eine detaillierte Aufschlüsselung der Ergebnisse und eine Diskussion.

2 Theorie

Talmys Theorie fundiert sich grundlegend auf der semantischen Kategorie der Bewegung. Dabei geht es ihm um Nullformen, die er in jeder Sprache (wenn auch nicht lexikalisiert) vermutet, wie ‚sein‘ (BELoc) oder ,bewegen‘ (MOVE) (vgl. Talmy 2007: 68).

A zero form of meaning can represent a meaning not expressed by any actual lexical item. For example, no German verb has the general ,go‘ meaning of zero form cited. ,Gehen‘ implies walking, so that one could not ask ,Wo wollen sie denn hingehen?‘ of a swimmer (vgl. ebd.).

Auch Verben wie „put“, „give“ und „cover“ definiert Talmys als erweiterte Nullformen, da sie Bewegung enthalten (vgl. Zlatev et al. 2021: 59). Diese Definition wird hier übernommen. Neben dieser semantischen Kategorie formuliert Talmy weitere, die jedoch in weiterführender Forschung stark kritisiert wurden, da es an klarer Definition mangelt (vgl. ebd.). In Anbetracht dessen sollen hier mithilfe sogenannter post-talmyscher Forschung hinreichend distinktive Kategorien vorgestellt werden (vgl. Talmy 2007: 70ff. und Zlatev et al. 2021:62ff.). Dabei bleiben die grundlegenden talmyschen Kategorien jedoch erhalten und werden lediglich deutlicher abgegrenzt.

  • Bewegung (B)

  • Figur (F): Eine sich bewegende Entität, z. B. Der Ball rollt.

  • Grund2 (G): Ein oder mehrere Referenzobjekte zur sich bewegenden Entität z. B. Der Ball rollt über den Tisch. Dabei kann es sich jedoch um mehrere Referenzobjekte handeln.

  • Pfad (P): Richtung des Bewegungsereignisses bzw. Verlauf der Positionsveränderung einer Figur, dazu gehören auch nicht-vektorielle Bewegungsrichtungen wie z. B. Der Ball rollt herum. Im Anschluss an Talmy sollen hier vier weitere Komponenten der Pfadkomponente dargestellt werden.

    • Vektor (VT): Grundtypen der Ankunft, Durchquerung und Abreise, die eine Figur in Bezug auf einen Grund ausführen kann.

    • Konformation (K): Geometrische Komplexität, die sich auf die Beschaffenheit des Bodens bezieht.

    • Deixis (D): Relational zu einem Nullpunkt bzw. Origo, der bzw. die projiziert sein kann. Deixis ist in seiner Interpretation grundsätzlich abhängig vom Kontext (vgl. Grenoble 1998: 4) und semantisch unabhängig von Komponenten wie Vektor und Konformation.

    • Resultat (R): Zustandsänderung als Ziel bzw. Richtung der Bewegung (vgl. Talmy 2007: 84) z. B. Der Eimer läuft voll.

  • Manier (M): Spezifikation verschiedener Aspekte der Art und Weise einer Bewegungsausführung. Talmy fasst diesen Begriff unter Co-Ereignis. Seine Unterkategorien weisen jedoch große Überschneidungen auf, weshalb hier mit diesem weitergefassten Begriff gearbeitet werden soll, der auf Zlatev et.al. basiert und insbesondere Aspekte wie Körperlichkeit, Geschwindigkeit, Haltung usw. beachtet wie z. B. Der Ball rollt.

Zlatev et.al. (2021) definieren weitere semantische Kategorien, die hier jedoch aufgrund von Überkomplexität vernachlässigt werden und für diese Analyse nicht von Relevanz sind. Für die Analyse Kategorie ‚Deixis‘ soll hinzugefügt werden, dass die Textdeixis eine besondere Form der Deixis beinhaltet. Zunächst verweist sie auf dasselbe Konzept, jedoch mit der Unterscheidung, dass „die Origo in das textuelle HIER versetzt, und von dieser aus […] auf ‚eine Stelle‘ im Text Bezug genommen“ (Tanaka 2011: 20) wird. Die Textdeixis kann auf eine reale Welt Bezug nehmen, aber auch auf ein Phantasma, indem ein neues imaginäres Verweisfeld erschaffen wird (vgl. ebd.). Während Deixis in der Regel durch closed-class Elemente ausgedrückt wird, können auch viele Verbalmorpheme deiktisch sein (vgl. Grenoble 1998: 16).

Im nächsten Schritt sollen folgende grammatische Kategorien vorgestellt werden (vgl. auch Talmy 2007: 66).

  • Verbstamm (V)

  • Satellit (S)

  • Objekt (OBJ)

  • Subjekt (SBJ)

  • Adpositionen

Während Subjekte, Objekte und Adpositionen den semantischen Kategorien zugeordnet werden, liegt Talmys Fokus insbesondere auf Verbstämmen bzw. Prädikaten, die Bewegung ausdrücken. Hier findet der Begriff der Lexikalisierung Anwendung. Ein Lexem bezeichnet zunächst die direkte Assoziation einer semantischen Komponente mit einem bestimmten Morphem (vgl. Talmy 2007: 68). Ein Morphem hat jedoch in der Regel mehrere Bedeutungskomponenten, die in syntaktischen Beziehungen spezifiziert werden können (vgl. ebd.: 69). Dies bildet den Fokus von Talmys Typologie. Er ersucht vorwiegend, die Bedeutung von Lexemen in ihrem Bedeutungskontext zu untersuchen (vgl. ebd: 72). Da es jedoch in verschiedenen Sprachen zu Schwierigkeiten führen kann, Verben zu identifizieren, gilt hier die Definition von Croft et.al. (2010) zur Identifikation eines Verbstammes: „we will thus define a morpho-syntactic element as a ‚verb root‘ if it can occur as a predicate on its own with the same meaning“ (Croft et.al. 2010: 206). Nach Talmy (2007) ergeben sich daraus in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Lexikalisierungsmuster:

  1. Ele saiu. (Ele sai-u 🡪 Er raus.beweg-PST.3SG)

  2. Er ging raus.

Im brasilianischen Portugiesisch Beispiel [1] findet sich neben der Bewegung ein Pfad als semantische Komponente. Die Manier, in der ‚sair‘ bzw. sich rausbewegt wird, ist jedoch nicht beschrieben (vgl. ebd.: 88f.). Im deutschen Beispiel [2] hingegen befindet sich neben der Bewegung die Manier im Verbstamm (gehen) (vgl. ebd.: 85f.). Daraus entwickelt Talmy sein Modell: Manche Sprachen – wie die romanischen Sprachen – repräsentieren den Bewegung + Pfad Typ und kodieren Pfad im Verbstamm, während indogermanische Sprachen (außer die romanischen), Chinesisch und weitere Bewegung + Manier kodieren (vgl. ebd.: 99). Auf Grundlage dessen, dass Pfad eine unabdingbare Komponente von Ereignissen ist, sind die Sprachen auch als Verb-Framed (V-Sprachen) und als Satelliten-Framed (S-Sprachen) bekannt (vgl. Croft et.al. 2010: 203). Es geht also darum, ob die Pfadkomponente im Verbstamm oder im Satellit kodiert wird. So ist die Pfad-Konstituente ‚raus‘ aus Beispiel (b) nach Talmy als Satellit zu bezeichnen (vgl. Talmy 2007: 92). Es handelt sich dabei um ein „closed-class type of surface element“ (ebd.: 139), welches in der Regel als Grammatik- oder Präpositionsmorphem auftreten. Talmy bezeichnet es als Satellit und definiert es wie folgt:

It is the grammatical category of any constituent other than a nominal complement that is in a sister relation to the verb root. It relates to the verb root as a dependent to a head. The satellite, which can be either a bound affix or a free word, is thus intended to encompass all of the following grammatical forms, which traditionally have been largely treated independently of each other: English verb particles, German separable and inseparable verb prefixes and Russian verb prefixes, Chinese verb complements […]. (ebd.).

Für die Definition erhält Talmy jedoch sehr viel Kritik, da der Begriff definiert durch eine Schwesternbeziehung unzureichend distinktiv ist und der Fokus auf closed-class Elemente für eine Vielzahl an Sprachen zu einschränkend ist (vgl. Croft et.al. 2010: 205f.). Daher soll hier mit der Definition nach Croft et.al. (2010: 206) gearbeitet werden: „Anything that is not a verb but encodes an event component will be analyzed as a satellite“.

Dass es durchaus noch viele weitere Typen gibt, die wie z. B. das indogen-nordamerikanische Atsugewi die Figur im Verbstamm ausdrücken (vgl. Talmy 2007: 99) oder serielle Verbabfolgen bilden (vgl. Slobin 2004: 227), ist ein wichtiger Aspekt zurückliegender und zukünftiger Forschung (Zlatev et al. 2021: 66). Es ist jedoch für die zu untersuchenden Sprachen nicht von Relevanz und es soll sich lediglich auf die Lexikalisierungsmuster Manier und Pfad bezogen werden bzw. auf die Kodierung der Pfadkomponente im Verbstamm oder im Satelliten. Es ist allerdings festzuhalten, dass auch mehrere semantische Komponenten wie Pfad und Manier gleichzeitig im Verbstamm kodiert sein können (vgl.Talmy 2007: 87). In diesem Zusammenhang findet Slobin, dass Sprachen durchaus Unterschiede darin aufweisen, wie viel Aufmerksamkeit sie auf Manier legen (vgl. Slobin 2004: 222). Das Lexikalisierungsmuster der Manier stellt jedoch nach Slobin eine stabile Eigenschaft aller Sprachen, die früh erworben und lebenslang erhalten bleibt (vgl. ebd.: 229).

Die deutsche Sprache ordnet Talmy den S-Sprachen zu, was von jeder bekannten Forschungsliteratur unterstützt. Z. B. Beyer (2016: 120) findet folgende Ergebnisse:

Bei den Beschreibungen von Bewegungsereignissen deutscher Muttersprachler sind MANNER-Verben in 92,1% der vollständigen Beschreibungen zu finden (20 Probanden x 24 Videoclips, 2 Beschreibungen fehlen aufgrund technischer Probleme). Dieses Ergebnis entspricht der Eigenschaft des Deutschen als satellite-framed Sprache in Talmys Typologie […]. Dementsprechend beträgt die Anwendungshäufigkeit der PATH-Verben nur 6,5% […].

Ochsenbauer und Hickmann (2010: 217) kommen zu ähnlichen Befunden und stellen fest, dass Kinder schon ab drei Jahren beginnen, systematisch Manier im Verb zu kodieren. Dabei beobachten sie, dass die Sprache ein breites Spektrum an Manierverben aufweist, die stark spezifiziert sind wie „tappen, tippeln“ oder „trippeln“ (vgl. Ochsenbauer/ Hickmann 2010: 232). Bauer (2010: 86) findet zudem im gesprochenen Deutsch eine Reihe von geläufigen Manierverben, die in anderen Kontexten nicht mit Bewegung assoziiert werden („Der Bergsteiger quält sich den Berg hinauf“).

Dies deutet daraufhin, dass die Bewegung auch durch Pfad signalisiert wird, der im Deutschen u. a. durch vom Verbstamm unabhängige Partikeln [5] sowie Wortgruppen, die von einer Präposition regiert werden (Präpositionalphrasen) [6], oder eine Handlung näher beschreibende Adverbien [7] ausgedrückt werden kann (vgl. Ochsenbauer/ Hickmann 2010 und Zhang 2020).

  • [5] Das Auto fährt hinein.

  • [6] Das Auto fährt in die Garage.

  • [7] Das Auto fährt weiter.

Insbesondere die trennbaren Partikeln und nicht-trennbaren Präfixe sind nach Talmy bedeutende Pfad-markierende Elemente des Deutschen (vgl. Talmy 2007: 140). Die Phrasen [8] und [9] verdeutlichen die Komplexität. Während beide Verbstämme von ‚um-fahren‘ stammen, handelt es sich hierbei um mehrere assoziierten Bedeutungen. So ist umfahren (trennbar) das Gegenteil von umfahren (nicht-trennbar) und kann im Infinitiv nur durch die Betonung auf der Partikel (trennbar) bzw. dem Verbstamm (nicht-trennbar) unterschieden werden. In einer konjugierten Form werden die Partikeln dann jedoch von dem zugehörigen Verbstamm getrennt und ans Ende einer Satzeinheit gestellt. Die Trennbarkeit von Verben ist zwar in der Regel durch das Präfix bzw. durch die Partikeln definiert,3 kann jedoch wie im Fall von ‚um‘ bedeutungsunterscheidend ausfallen.

  • [8] Ich umfahre das Hindernis.

  • [9] Ich fahre das Hindernis um.

Eine weitere Besonderheit des Deutschen bilden Präpositionalphrasen. So spezifizieren Präpositionalphrasen, die im Dativ stehen, in der Regel Lokalisierung (Das Auto fährt in der Garage), während Präpositionalphrasen mit Akkusativ häufig Richtung kodieren (Das Auto fährt in die Garage) (vgl. Zhang 2020: 76). Wie in diesem Beispiel können deutsche Wechselpräpositionen sowohl Dativ als auch Akkusativ und damit ebenso Bewegung zu einem Referenzobjekt als auch innerhalb eines Raumes kodieren. Dementgegen gibt es gleichzeitig auch Präpositionen wie ‚zu‘, die nur einen Kasus an sich binden können (vgl. ebd.: 78).

Diese umfangreichen Kodierungsmöglichkeiten bieten dem Sprecher einen ebenfalls detailreichen Ausdruck des Pfades, weshalb Ochsenbauer und Hickmann (2010: 232) schlussfolgern, „that German (like other satellite-framed languages) invites speakers to simultaneously focus on both MANNER and PATH“. Gerade diese Komplexität erweist sich für DaF-Lernende z. T. als schwierig, weshalb in der Forschung ein Fokus auf dem Erlernen und dem Herausstellen von Übertragungsfehlern durch die Erstsprache(n) liegt. (vgl Bauer 2010: 87f. und Woerfel 2018: 300).

Fagard und Kopecka (2020: 165) finden in einem Vergleich zwischen Polnisch und Deutsch, dass beide Sprachen ähnliche linguistische Elemente verwenden, um Pfad zu kodieren: Satelliten wie Verbpartikeln und Präfixe. Das Deutsche verfügt jedoch über deiktische Verben, die im Polnischen nicht vorhanden sind wie ‚kommen‘ und ‚gehen‘ (im Sinne des Entfernens) (vgl. ebd.). Dies stimmt ebenso mit den diskutierten Ergebnissen Slobins überein.

3 Daten & Methodik

In Anlehnung an Kasper (2020: 29) werden für den Vergleich die Kapitel 26 und 27 des Matthäus-Evangeliums ausgewählt, da hier zahlreiche Bewegungsereignisse vorliegen. Aufgrund ihrer Bedeutung für die kulturelle und sprachliche Entwicklung des deutschen wird die der Lutherbibel (2017) verwendet.4

Luther ist zwar nicht der Erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzt. Mit seiner einzigartigen Ausdrucksfähigkeit und durch die Erfindung des Buchdrucks soll seine Übersetzung jedoch so bekannt werden wie keine zuvor (vgl. Schildenberger 1965: 215ff.). Eine Besonderheit stellt, dass Luther den Text an die Sprache anpasst und die Verständlichkeit in den Vordergrund schiebt (vgl. Urban 2009: 308f.). Damit beeinflusst der Reformator nicht nur maßgeblich die Sprache der deutschen Bibel, sondern auch die deutsche Sprache und ihren Wortschatz (vgl. Günther 2017). Insbesondere sein Bezug zum sächsischen Kanzleistil und seine Bemühungen, die deutsche Sprache zu vereinheitlichen, formen zudem die deutsche Sprachnorm bis heute (vgl. Polenz 1990: 191ff.). Die 2017 erschienene Neuauflage beinhaltet insbesondere „Anpassungen an den gegenwärtigen Sprachgebrauch“ (vgl. Wentz/ Haustein 2016: 169) und versucht gleichzeitig, nahe an den griechischen, lateinischen und hebräischen Ursprungstexten zu verbleiben (vgl. ebd.: 169).

Aus diesem Text wurden zunächst Teilsätze extrahiert, in denen ein Bewegungsereignis vorliegt. Dabei wurde sich zunächst an die Definition eines Teilsatzes (auf Englisch ‚clause‘) nach Tallerman (2020) gehalten: Ein Teilsatz liegt immer dann vor, wenn eine sprachliche Struktur ein Prädikat enthält. „A Predicate expresses an ‚event‘ in the sentence, which may be quite literally an event (such as ‚collapse‘ or ‚explode‘) but also includes actions, processes, situations, states and so on“ (Tallerman 2020: 41). Das Prädikat bindet wiederum Argumente, die den Teilsatz vervollständigen (vgl. ebd.: 41). Ein Beispiel hierfür bildet ‚Jan rennt‘, wobei ‚Jan‘ als Argument von ‚rennt‘ gilt. In den germanischen Sprachen werden Prädikate vorwiegend von finiten Verben sowie Infinitiven ausgedrückt, während in anderen Sprachen auch andere Wortklassen die Rolle eines Prädikats einnehmen können (vgl. ebd.: 78f. und 41). Bei der Auswahl der Teilsätze wurde zwischen Haupt- und Nebensätzen kein Unterschied gemacht, da eine explizite Definition für die zugrundeliegende Analyse keine Relevanz hat.

Um die Zitation transparent und übersichtlich zu halten, werden die Teilsätze nach Vers und Kapitel zitiert. Für Verse, in denen mehrere Bewegungsereignisse vorkommen, ist jeder Teilsatz zusätzlich mit einer Sigle markiert. Entscheidend dafür, dass ein Teilsatz für die Analyse berücksichtigt wird, ist lediglich, dass der jeweilige Teilsatz ein Bewegungsereignis kodiert, also über eine Positionsveränderung mit Richtungsangabe verfügt. Infolgedessen werden verschiedene Teilsätze ggf. in einer Sprache berücksichtigt und in einer anderen nicht, wenn kein Pfad ausgedrückt wird. Dies soll in der Analyse näher beleuchtet werden. Dazu gezählt werden hingegen metaphorische Ereignisse, die in einer eigenen Spalte in der Kodierung berücksichtigt werden. Teilsätze wie „das wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis“ (Mat 26:13) werden hingegen nicht aufgenommen, da „zu“ zwar eine Richtung kodiert, das Verb „sagen“ aber keine zugrundeliegende Bewegung (weder wörtlich noch metaphorisch) ausdrücken kann, wie es bei Verben wie vergleichsweise ‚tanzen‘ oder ‚leuchten‘ der Fall ist.

Die vorliegenden Teilsätze wurden dann auf die in ihnen kodierten semantischen Kategorien hin untersucht, die in der Theorie bereits vorgestellt wurden. Dazu gehören zunächst Bewegung, Figur, Grund, Manier und Pfad. Komponenten wie Tempusangaben, die nicht in die Ereignistypologie eingeordnet werden können, werden vernachlässigt. Zu berücksichtigen ist weiterhin, dass nur Elemente kodiert sind, die tatsächlich in den jeweiligen Teilsätzen ausgedrückt werden. Ggf. kann in der Analyse jedoch auf das semantische Umfeld in einem größeren Satzgefüge verwiesen werden. Da die Teilsätze, wie zuvor diskutiert, nur dann in die Analyse einfließen, wenn Bewegung ausgedrückt wird, wird Bewegung lediglich als Kategorie für Morpheme verwendet, die ausschließlich Bewegung ausdrücken.

Die Kategorie Manier (M) erfährt dadurch Erweiterung, dass sie in reine Manier-Morpheme sowie in Manier-Präfixe und Manier in Kombination mit Pfad unterteilt wird. Ein besonderer Fokus liegt des Weiteren auf Pfad (P). Hier wird zunächst zwischen Verbstämmen, Präfixen und Partikeln sowie sonstigen Satelliten unterschieden, die jeweils in die zwei Kategorien Deixis (D) und Vektor (VT) sowie Konformation (K) unterteilt sind. Als deiktisch anerkannt werden jeweils die Elemente, die in aus ihrem sprachlichen Kontext und innerhalb eines jeweiligen Teilsatzes als deiktisch klassifiziert werden können.

Neben Resultat werden zwei erweiterte Nullformen gesondert in der Kodierung aufgenommen. Dazu gehören zunächst Besitzwechselverben (BV). Bei diesen handelt es sich um Verben, die eine Veränderung der Lokation durch Bewegung ausdrücken, die maßgeblich durch einen Besitzwechsel dargestellt wird (vgl. Lenz 2013: 17). Als grundlegende Besitzwechselverbstämme gibt Lenz (2013: 20) ‚give‘, ‚take‘ and ‚get‘ an, dessen Grundgrößen auch auf Deutsch (geben, nehmen, bekommen/ kriegen) zu finden sind (vgl. ebd.: 33). Talmy (2007: 82) definiert aus den englischen Verben erweiterte Nullformen und obwohl sich historisch keine Verbindung nachweisen lässt, ist eine ähnliche Entwicklung dieser Lexeme zu vermuten (vgl. Lenz 2013: 33). Sie verfügen über eine große Bandbreite an Bedeutungsnuancen, während die „Objektsbewegung[en]“ (ebd.: 36) (und damit die Nullformen) am häufigsten auftreten. Sie werden als Pfadverben kodiert, solange sie die Bewegung einer Figur von A nach B ausdrücken.

Eine zusätzliche erweiterte Nullform bildet nach Talmy (2007: 82) ein Phänomen, das mit dem englischen Verbstamm ‚put‘ einhergeht. Auf Deutsch sollen sie als ‚Platzierungsverben‘ bezeichnet werden. Talmy schlüsselt ihre Bedeutung wie folgt auf: „PUT is here intended to designate an Agent’s controlledly moving an object through body-part movements but without whole-body-translocation“ (ebd.). Damit beschreibt es im Ansatz Manier (die Bewegung durch eine Körperbewegung aber ohne Ganzkörpertranslokation) und deutet gleichzeitig Pfad an (die Bewegung von einem Ort zum anderen). Dass beide Kategorien hier jedoch unterspezifiziert sind, zeigt Talmys Beispiel „I forked the hay down off the truck“ (ebd.: 82). Das Verb „fork“ basiert auf der Nullform ‚put‘, die Manier ist jedoch durch „forked“ spezifiziert und die Richtung durch „down“ und „off“ konkretisiert. In Anbetracht dessen werden Verben, die auf ‚put‘ basieren, grundsätzlich lediglich als Platzierungsverben aufgenommen und nur dann einer Manier- oder Pfadkategorie zugeordnet, wenn dies in einem Morphem zusätzlich eingebettet ist. Sie unterscheiden sich damit von Besitzwechselverben, da sie zwar ebenso auf Nullformen basieren, aber semantisch dichter sind.

4 Ergebnisse

Insgesamt wurden 76,43% der Bewegungsereignisse mit Manierverbstämmen gebildet und Deutsch kann damit auch im Kontext der Bibel den S-Sprachen zugeordnet werden. Dennoch ist dieses Ergebnis im Vergleich zu Beyer (2016) sowie Ochsenbauer und Hickmann (2010) niedrig. Außerdem sind 38,57% der Verbstämme mit Pfad verbunden, wobei Pfad sich zu 42,59% mit Manier überschneidet. Dies zeigt, dass Pfad als Lexikalisierungsmuster auch im Deutschen eine wichtige Rolle zu spielen scheint, Manier jedoch dominant bleibt. Die einzelnen Kategorien sollen nun im Folgenden näher analysiert werden.

4.1 Bewegung

Zunächst soll auf die semantische Komponente ‚Bewegung‘ eingegangen werden. Während bei allen Ereignissen eine inhärente Bewegung vorliegt, handelt es sich hier spezifisch um Morpheme, die lediglich Bewegung ausdrücken. Dieser Lexikalisierungstyp tritt in den Kapiteln lediglich dreimal auf. Zunächst betrifft dies den Verbstamm ‚gehen‘ in „so gehe dieser Kelch an mir vorüber“ (Mat 26:39c) und „dass dieser Kelch vorübergehe“ (Mat 26:42b). Die Beispiele verweisen auf den Titel der Arbeit und sind besonders auffällig, da es sich hier nicht um eine metaphorische Bewegungsart eines Kelches handelt. Der Kelch bekommt keine Füße, sondern der Verbstamm bildet hier die Nullform ‚go‘ im Sinne reiner Bewegung nach Talmy ab, von der der Autor behauptet, sie würde im Deutschen nicht existieren (vgl. Talmy 2007: 68). Dies ist auch zum größten Teil zutreffend, da man einen Schwimmer tatsächlich nicht fragen kann, wo er hingeht (vgl. ebd.). Dennoch zeigt sich hier eine Bedeutungsnuance des Verbstammes, was darauf hinweist, dass Verbstämme ihren semantischen Gehalt in unterschiedlichen syntaktischen Kontexten variieren können (vgl. ebd.: 69).

Weiterhin wird das Verb ‚tun‘ in „und die Gräber taten sich auf“ (Mat 27:52) verzeichnet. ‚Tun‘ ist ein deutsches Hilfsverb, das nahezu bedeutungsleer ist. Es drückt lediglich das unbestimmte Vollziehen einer Handlung aus (vgl. Dudenredaktion, ‚tun‘) und in diesem Fall eine Bewegung, die in der Partikel einen Pfad erhält. Etwas öffnet sich, ohne die Art und Weise näher zu bestimmen. Die Lutherbibel illustriert damit, dass das Deutsche durchaus reine Bewegung (motion without manner) lexikalisch ausdrücken kann, auch wenn dies nur in begrenztem Umfang und stark kontextgebunden stattfindet.

4.2 Manier

Deutsch verfügt über die meisten Verbstämme, die im Kontext der einzelnen Teilsätze lediglich Manier kodieren. Insgesamt wurden 27 Verbstämme gefunden, die in 84 aller Teilsätze vorkamen. Damit sind 60% aller Teilsätze lediglich durch einen Manierverbstamm kodiert. Am häufigsten kommen ‚gehen‘ (22 Mal) und ‚treten‘ (8 Mal) vor. Die Verbstämme stehen im Zusammenhang mit grundlegender Bewegung, die den Translokationen in Mat 26 und 27 eine Art und Weise zuschreiben, wie „Geht hin in die Stadt zu einem“ (Mat. 26:18) und „Zum zweiten Mal ging er wieder hin“ (Mat 26:42a). ‚Treten’ bildet eine Nuance von ‚gehen‘: „einen Schritt, ein paar Schritte in eine bestimmte Richtung machen; sich mit einem Schritt, einigen Schritten an eine bestimmte Stelle bewegen“ (Dudenredaktion, ‚treten‘). So wird in „trat zu ihm eine Frau“ (Mat 26:7a) und „obwohl viele falsche Zeugen herzutraten“ (Mat 26:60a) ein Fokus auf räumliche Nähe gelegt, da ein Schritt in der Regel keine großen Distanzen überwinden kann. Auch ‚gehen‘ erfordert Schritte, ist jedoch nicht so präzise wie das Verb ‚treten‘, da es sich eher um einen für eine unbestimmte Zeit andauernden Fortbewegungsprozess „auf den Füßen“ (Dudenredaktion, ‚gehen‘) handelt. ‚Stehen‘ kommt ebenso so häufig vor (fünfmal), ist jedoch insbesondere im Kontext von ‚aufstehen‘ mit einem monadischen Zustandswechsel verbunden.

Während also eine hohe Anzahl an Verbstämmen mit Manier verbunden werden kann, soll zusätzlich auf die folgende These von Bauer eingegangen werden: Sie stellt fest, dass das Deutsche sehr ausdifferenzierte Manierverben verwendet und auch Verben für Bewegungsereignisse einsetzen, die sonst nicht mit Bewegung assoziiert werden (vgl. Bauer 2010 :86). Um diese These auch für den biblischen Kontext zu überprüfen, wurden zunächst alle Verben gezählt, die Manier zugeordnet wurden. Insgesamt wurden dabei zwei identifiziert, die nicht primär mit Bewegung in Verbindung gebracht werden. In Mat 27:63 heißt es: „Nach drei Tagen werde ich auferweckt“. Hierbei handelt es sich um den Verbstamm ‚wecken‘, der nicht primär mit Bewegung assoziiert wird. Erst durch die Präfixe „auf“ und „er“ wird eine Richtung hinzugefügt und eine metaphorische Bewegung ausgedrückt, durch die (in diesem Fall) Jesus zurück ins Leben bewegt wird. Zudem werden sowohl ‚auferwecken’ als auch ‚auferstehen‘ (vgl. u.a. Mat 26:32a) verwendet, was durchaus zeigt, dass die Kodierung von Manier im literarischen Deutschen sehr spezifisch sein kann.

Im Vergleich gibt es im Portugiesischen und auf Russischen dafür eigene Verben, die zwar noch Präfixe andeuten (*вос-креснуть und *re-ssuscitou), sich aber nicht (mehr) auf einen unabhängigen Verbstamm beziehen. Sie kodieren lediglich die Zustandsveränderung von Tod zum Leben. Ein weiterer Beleg stellt „dass er zum Tode verurteilt war“ (Mat 27:3a). Es handelt sich dabei um ebenfalls um eine metaphorische Bewegung hin zum Tod, die durch ‚verurteilen‘ ausgelöst wird. Ohne Richtungsangabe beinhaltet der Verbstamm ‚verurteilen‘ jedoch in keiner Form eine Bewegung. Obwohl im Portugiesischen eine ähnliche Konstruktion möglich (Ele foi condenado à prisão) wäre, drücken weder Russisch noch brasilianisches Portugiesisch eine ähnliche metaphorische Richtung aus:

„удивев, что он осужден“

удив- ев, что он осужден

überrasch-PFV.PTCP, das 3SG.M verurteilt

‚überrascht, dass er verurteilt wurde‘

und

„vendo-o então condenado“

vend-o =o então conden- ado

seh- GER=3.SG.ACC dann veruteil-PFV.PTCP

‚ihn dann verurteilt sehend‘.

Insgesamt kann also Bauers These trotz weniger Belege unterstützt werden. Deutsch scheint Manier sehr differenziert anwenden und gleichzeitig vernachlässigen zu können.

Abbildung 1
Verteilung von Manierverbstämmen im Deutschen (N=84)
4.2.1 Manier und Pfad

Deutsch verfügt über 23 Teilsätze, in denen ein Verbstamm sowohl Manier als auch Pfad kodiert. Bei den Manier- und Pfadverbstämmen handelt es sich dabei um insgesamt sechs Verbstämme, die alle zu den Besitzwechselverben gehören. Am häufigsten verwendet werden dabei die Verben ‚nehmen‘ und ‚geben‘, die in Kontexten wie „nahm Jesus das Brot“ und „gab's den Jüngern“ (Mat 26:26d) mit den Händen assoziiert werden, in anderen Kontexten jedoch nicht. Auch ‚überantworten‘ gehört zu den Besitzwechselverben, appelliert jedoch besonders an die Übertragung von Verantwortung (vgl. Dudenredaktion‚ ‚überantworten‘), wie der Teilsatz „dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird“ (Mat 26:45b) verdeutlicht. ‚Schicken‘ hingegen fokussiert das Veranlassen einer Übertragung (vgl. Dudenredaktion, ‚schicken‘) während ‚liefern‘ impliziert, dass ein Patiens erwartet wird bzw. angefordert wurde.

Abbildung 2
Verteilung von Manier- und Pfadverbstämmen im Deutschen (N=23)
4.2.2 Platzierungsverbstämme

Auf die zuvor genannten Platzierungsverbstämme soll nun näher eingegangen werden. Es wird dargestellt, wie viel semantischen Inhalt und welche Art von semantischen Informationen sie tragen, da ihre zugrundeliegende Nullform unterspezifiziert ist. Im Deutschen finden sich drei Verbstämme in den untersuchten Kapiteln, die zehnmal verwendet werden. Dabei handelt es sich um ‚setzen‘ und ‚legen‘ und ‚stecken‘, die stark mit Manier verbunden sind. ,Setzen‘ zeigt wie in Mat 26:20 „Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen“ das Einnehmen einer Manier an. Es ist also die kausative Form von ‚liegen‘ (vgl. Talmy 2007: 116). Ziel ist es, eine Körperhaltung einzunehmen, „bei der man mit dem Gesäß und den Oberschenkeln bei aufgerichtetem Rumpf und meist auf dem Boden stehenden Füßen auf einer Unterlage […] ruht“ (DWDS, ‚sitzen‘) oder wie in „und setzen sie auf sein Haupt“ (Mat 27:29a) eine Figur mit Präzision oder Vorsicht und in aufrechter Ausrichtung abzulegen.

Auch ‚legen‘ entspricht dieser Form und hat es zum Ziel, ein Objekt „in ruhender Stellung“ (Dudenredaktion, ‚liegen‘) oder „der Länge nach ausgestreckt“ (DWDS, ‚liegen‘) zu platzieren. So soll in „und legte ihn in sein eigenes neues Grab“ (Mat 26:70) dargestellt werden, dass Jesus in ruhender Lage und ausgestreckt in dem Grab platziert wird. Weiterhin wird es auch im Sinne des „sich (auf etwas) schädlich, nachteilig auswirken“ (Dudenredaktion, ‚legen‘) verwendet, wenn es heißt: „und legten Hand an Jesus“ (Mat 26:50c). Den Fokus auf Manier legt auch ‚stecken‘, das als „[durch eine Öffnung hindurchführen und] an eine bestimmte Stelle tun“ (DWDS, ‚stecken‘) oder „in, an etw. fest haften“(Dudenredaktion, ‚stecken‘) definiert wird. Dies zeigt sich auch in „Stecke dein Schwert an seinen Ort“ (Mat 26:52a). Hier drückt „Steckt“ aus, dass die Figur durch eine Öffnung (implizit: die Scheide des Schwertes) hindurchgeführt werden und daran festgemacht bzw. festhaften soll. Es handelt sich also in allen Fällen um einen Fokus auf Manier. Die genannten Fälle lassen daraufhin deuten, dass Platzierung allgemein eher mit Manier verbunden wird und dass verschiedene Konstrukte innerhalb von Sprachen bestimmte semantische Kategorien favorisieren, wie auch Croft et.al. (2010: 231) argumentieren.

Abbildung 3
Anzahl von Platzierungsverbstämmen im Deutschen (N=10)

4.3 Pfad

Im Anschluss an Manier soll nun Pfad untersucht werden. Im Deutschen kommen lediglich fünf Verbstämme vor, die Pfad kodieren. Dabei handelt es sich hauptsächlich um das deiktische Verb ‚kommen‘, das 14 Mal verwendet wird. Es beschreibt, „sich auf ein Ziel hin[zu]bewegen“ bzw. an einem Ort „ein[zu]treffen“ (Dudenredaktion ‚kommen‘).Wie in „Mein Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mat 26:50a) verweist das Verb in sieben Fällen implizit auf den Standort des Sprechers bzw. einer Referenzfigur. In weiteren sieben Fällen hingegen wird der Standort näher definiert. In „er kam zu den Jüngern“ (Mat 26:45a) wird so das Ziel als die „Jünger“ beschrieben und auch in dem Teilsatz „und kamen in die heilige Stadt“ (Mat 27:53b) wird „die heilige Stadt“ zum Ziel der Bewegung. Es handelt sich dabei also um eine nicht-deiktische Verwendung. Weiterhin wird das Verb ‚gehen‘ zweimal deiktisch verwendet. So handelt es sich bei „Der Menschensohn geht zwar dahin“ (Mat 26:24) und „Lasst uns gehen“ (Mat 26:46b) erneut nicht um eine Bewegungsart, sondern um eine Pfadrichtung. Jesus beschreibt in Mat26:24 seinen bevorstehenden Tod bzw., dass er sich wegbewegt oder entfernt, wozu er ebenfalls die Jünger in Mat26:46b auffordert. Dies steht in Übereinstimmung mit Fagard und Kopecka (2020: 49f.), die diese deiktischen Verben besonders häufig im Deutschen finden. Primär stellt jedoch ,kommen‘ im Deutschen ein hochfrequentes Verb.

Abbildung 4
Anzahl der deiktischen Pfadverbstämme im Deutschen (N=9)

Deutlich seltener finden sich nicht-deiktische Verben. Es handelt sich dabei u.a. um ‚fallen‘, was eine Bewegung nach unten beschreibt wie in „fiel nieder auf sein Angesicht“ (Mat 26:39b). Obwohl dieses Verb ebenso auf eine Verletzung oder einen Unfall hinweisen kann, handelt es sich hier lediglich um eine Bewegungsrichtung. Ebenfalls eine Bewegungsrichtung drückt das Verb ‚folgen‘ aus, das zweimal verwendet wird. In „Petrus aber folgte ihm nach von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters“ (Mat 26:58a) und „die waren Jesus aus Galiläa nachgefolgt“ (Mat 27:55) wird keine Bewegungsart beschrieben, sondern lediglich, dass sich hinterherbewegt wurde. Dasselbe gilt für das Verb ‚verlassen‘, das ebenso zweimal verwendet wird. So wird in „mein, Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mat 27:46) nicht dargestellt, in welcher Manier Gott sich von Jesus entfernt. Es ist jedoch klar, dass er sich nicht in menschlicher Form bei Jesus befunden hat und so unterstützt die semantische Kodierung hier die Mystik hinter dem Gottesbegriff. Zusammenfassend sind somit reine Pfadverben im Deutschen sehr selten.

Abbildung 5
Anzahl der Vektor- und Konformations-Pfadverbstämme im Deutschen (N=12)
4.3.1 Pfad in Präpositionen und Adverbien

Weiterführend werden pfadmarkierende Präpositionen und Adverbien analysiert. Es wurden 68 Fälle gefunden, bei denen pfadmarkierende Präpositionen und Adverbien verwendet werden. Insgesamt handelt es sich um elf Präpositionen und keine Adverbien, wobei die Präposition ‚zu‘ besonders häufig verwendet wird, wie z.B. in „und setzte sich zu den Knechten“ (Mat 26:58c) und „Der ging zu Pilatus“ (Mat 27:58a). Hier erhalten die Manierverben „setzte“ und „ging“ durch „zu“ eine Richtungskomponente. Dasselbe gilt für den Teilsatz „steckte ihn auf ein Rohr“ (Mat 27:48b), bei dem das „steckte“ durch die Präposition „auf“ eine Pfadmarkierung erhält. Im Gegensatz dazu wird bei „und kamen in die heilige Stadt“ (Mat 27:53b) der Pfad um die Präposition „in“ erweitert, obwohl er durch das deiktische Verb „kamen“ bereits kodiert ist. Der Teilsatz „schickte seine Frau zu ihm“ (Mat 27:19) zeigt weiterhin, dass auch Verben, die bereits Manier und Pfad im Verbstamm kombinieren, durch Präpositionen erweitert werden können und dass pfadmarkierende Satelliten nicht auf die Kombinierung mit Manierverbstämmen beschränkt sind.

Abbildung 6
Anzahl von pfadmarkierenden Präpositionen im Deutschen (N=68)
4.3.2 Pfad in Präfixen und Partikeln

Nach Präpositionen sollen nun Pfadpartikeln und Präfixe in den Fokus rücken. Im Deutschen finden sich insgesamt siebzehn Partikel- und Präfixmorpheme, die mehr oder weniger an Verben gebunden sind. Auffällig ist, dass die Partikeln dominieren und nur vier Präfixe vorkommen. Dabei handelt es sich in jedem Fall um das Präfix ‚zer‘ wie in „die Schafe der Herde werden sich zerstreuen“ (Mat 26:31) und „Da zerriss der Hohepriester seine Kleider“ (Mat 26:65). „zer“ markiert hier jeweils den Pfad ‚auseinander‘ im Sinne eines Auseinanderstreuens bzw. Auseinanderreißens, was in Mat 27:51a,b zweimal wiederholt wird.

In den weiteren 71 Fällen handelt es sich um Partikeln. Sie werden also, wenn sie nicht im Infinitiv stehen, vom Verb getrennt. Besonders häufig sind Partikeln vertreten, die ebenfalls als Präpositionen verwendet werden können wie ‚auf‘ in „Und der Hohenpriester stand auf“ (Mat 26:62) und ‚ab‘ in „und führten ihn ab“ (Mat 27:31c). Auffällig ist allerdings, dass der Verbstamm ‚folgen‘, der bereits ein Hinterherbewegen ausdrückt, durch die Partikel „nach“ (Mat 26:58a und Mat 27:55) begleitet wird, obwohl dies redundant erscheint.

Am häufigsten wird die deiktische Partikel ‚hin‘ verwendet, die eine Bewegung weg von einem Sprecher oder einer Origo kodiert. Sie wird in der Regel mit einer nicht-deiktischen Partikel verbunden wie in „Und nach einer kleinen Weile traten hinzu“ (Mat 26:73). Hier wird neben „hin“ (weg vom Sprecher) auch „zu“ als Pfadkomponente realisiert. „zu“ lässt dabei auf eine Gruppe oder einen Grund schließen. Dasselbe gilt für die Partikel ‚her‘, die die Bewegung zu einem Sprecher bzw. zu einer Origo kodiert und ebenfalls in der Regel mit einer nicht-deiktischen Partikel kombiniert wird. „Zuletzt aber traten zwei herzu“ (Mat 26:60b), drückt somit aus, dass Personen sich zu einer Origo bewegen und sich diesem bzw. einem Grund spezifisch annähern. In „Als er aber hinausging in die Torhalle“ (Mat 26:73) wird durch eine Präpositionalphrase der Pfad noch weiter zersplittert, da „ hin“, aus“ und „in“ kodiert werden. Eine Kombination von Präpositional-Satelliten und Präfixen bzw. Partikeln findet jedoch nur in 18 Teilsätzen statt.

Zusammenfassend kodiert Deutsch Pfad überwiegend durch Präpositionen und Partikeln, was eine klare und strukturierte Zielangabe in Satelliten ermöglicht, während Manier oder weitere Pfadkomponenten in der Regel im Verbstamm ausgedrückt werden.

Abbildung 7
Anzahl von pfadmarkierenden Präfixen und Partikeln im Deutschen (N=75)
4.3.3 Resultat

Im Anschluss wird die semantische Komponente Resultat untersucht. Dabei handelt es sich, wie zuvor dargestellt, um eine Pfadkomponente, die zu einem Resultat führt. Dazu wird der These nachgegangen, dass Deutsch als S-Sprache Resultat eher in Präfixen bzw. außerhalb des Verbstammes kodiert.

Im Deutschen finden sich zunächst ingesamt vierzehn Fälle von resultativen Präfixen. Am häufigsten kommen dabei das Präfix ‚ver‘ in Kombination mit dem Verbstamm ‚sammeln‘ sowie ‚los‘ mit dem Verbstamm ‚geben‘ vor. „Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten im Palast des Hohenpriesters“ (Mat 26:3) und „und versammelten um ihn die ganze Kohorte“ (Mat 27:27b) sind Beispiele dafür, dass das Präfix ‚ver‘ die Abgeschlossenheit des Sammelns ausdrückt. Dasselbe gilt für „vergossen“ (Mat 26:28) und „verteilten“ (Mat 27:35b). „Wen von beiden soll ich euch losgeben“ (Mat 27:21b) beinhaltet weiterhin auf der einen Seite einen Besitzwechsel durch das Verb „geben“ und gibt gleichzeitig „los“ als Resultat an. ‚Auferstehen‘ (vgl. Mat 26:32 und Mat 27:64b) sowie ‚auferwecken‘ (vgl. Mat 27:63) kodieren hingegen zunächst Pfad durch das Präfix ‚auf‘ und zusätzlich ‚er‘, um einen Zustandswechsel darzustellen.

Weiterhin findet sich in dem Teilsatz „mich gefangen zu nehmen“ (Mat 26:55d) das Partizip „gefangen“ als Resultat des Nehmens. Diese Form des Resultats ist einmalig im Korpus, nähert sich jedoch eher der Präfixkodierung an, da das Resultat außerhalb des Verbstammes kodiert wird. Dies verdeutlicht erneut, wie typologisch Deutsch in der Kodierung von Pfad in Satelliten vorgeht.

Abbildung 8
Anzahl von resultativen Präfixen und Partizipien im Deutschen (N=14)
4.3.4 Besitzwechselverbstämme

Im Deutschen werden 33 Teilsätze mit Besitzwechselverben gebildet, was mit 23,08% aller Teilsätze fast ¼ der Daten ausmacht. Von besonderer Bedeutung sind dabei ‚nehmen‘ und ‚geben‘. Der Duden gibt für ‚nehmen‘ u.a. die Bedeutung „mit der Hand greifen, erfassen und festhalten“ (Dudenredaktion, ‚nehmen‘) und für ‚geben‘ „in jemandes Hände, Verfügungsgewalt gelangen lassen“ (Dudenredaktion, ‚geben‘) an, weshalb die jeweiligen Verben dann ebenfalls zu ‚Manier und Pfad‘ gezählt wurden, wenn der Satz aus seinem Kontext heraus angibt, dass etwas in die Hand genommen wurde. Dies ist besonders eindeutig beim Abendmahl („nahm Jesus das Brot“ (Mat 26:26a)), während es in anderen Kontexten wie der Entgegennahme von Jesus Leiche nicht eindeutig ist. Für einen deutschen Erstsprachler ist es eher unwahrscheinlich, dass Josef die Leiche Jesu direkt in seine Hände nimmt (vgl. Mat 27:59a). Insgesamt wurde ‚nehmen‘ von 13 Fällen neunmal mit Manier assoziiert und ‚geben‘ fünfmal von elf Fällen, was eine Tendenz zu Manier jedenfalls für den Verbstamm von ‚nehmen‘ impliziert.

Eindeutig mit Manier verbunden ist hingegen der Verbstamm ‚überantworten‘. Wie in „und der Menschensohn wird überantwortet werden“ (Mat 26:2) und „überantwortete ihn“ (Mat 27:26b) handelt es sich hier nicht nur um einen Besitzwechsel, sondern es wird auch eine Auslieferung dargestellt, bei der die Verantwortung für Jesus Leben in die Hände der religiösen Führer übertragen wird (vgl. DWDS, ‚überantworten‘). Es wird verdeutlicht, dass Jesus ein Opfer sein wird, das die Kontrolle über seinen physischen Körper verliert.

Auch ‚bringen‘ lässt sich auf Manier zurückführen, da „er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück“ (Mat 27:3) darstellt, dass Judas das Geld in die Hand nimmt und übergibt (vgl. DWDS, ‚bringen‘). Bei dem Verb ‚bringen‘ in dem Teilsatz „Jesus aber wurde vor den Statthalter gebracht“ (Mat 27:11) findet sich ebenso eine Nuance von Manier. Hier wird Jesus „unter Gewaltanwendung an einen Ort“ geschafft (vgl. ebd.). Zusätzlich zu diesen Manieraspekten handelt es sich ebenfalls um einen doppelten Pfad. Neben dem Besitzwechsel kodiert der Verbstamm eine Translokation. Ein Objekt wird also von einem Punkt zu einem anderem transportiert und dann übergeben (vgl. auch Talmy 2007: 80f.). Die Verbstämme ‚schicken‘ und ‚liefern‘ kodieren ebenfalls eine Translokation. Dennoch fokussiert ‚schicken‘, wie zuvor diskutiert, die Veranlassung einer Übertragung (vgl. Mat 26:53 und Mat 27:19) und ‚liefern‘ die Translokation einer Figur durch einen Beauftragten, der die Verantwortung für seine Sendung übernimmt. In „dass er ihn ausliefere“ (Mat 26:16) handelt es sich jedoch nicht nur um eine beauftragte und begleitete Translokation, sondern das Präfix „aus“ präzisiert weiter die völlige und restlose Übergabe einer Figur, die in die Gewalt eines Empfängers gegeben wird (vgl. DWDS, ‚ausliefern‘).

Insgesamt kodieren also alle deutschen Besitzwechselverbstämme Pfad, was erneut Croft et.al. (2010: 231) in der Anahme unterstützt, dass bestimmte Konstrukte semantischen Kategorien bevorzugen. Gleichzeitig kann die Mehrheit (63,64%) ebenso mit Manier assoziiert werden, was wiederum die Tendenz des Deutschen zum Ausdruck von Manier verdeutlicht. Im Gegensatz zu anderen Verbstämmen zeigen sich Besitzwechselverben hier jedoch semantisch besonders anfällig für ihren Äußerungskontext.

Abbildung 9
Anzahl von Besitzwechselverbstämmen im Deutschen (N=33)

5 Fazit

Zusammenfassend kann bestätigt werden, dass die typologischen Muster der deutschen Sprache auch im Matthäus-Evangeliums Kapitel 26 und 27 nachweisbar sind. Dies trifft zu, obwohl es, wie zuvor dargestellt, ein kommunikatives Ziel des Textes ist, ihre Vorlagen möglichst exakt abzubilden. Das Deutsche kodiert im Satelliten-Framing Manier überwiegend durch Verbstämme.

Eine Bewegung ist in allen Verbstämme kodiert, zeigt sich jedoch als alleinige semantische Kategorie lediglich in einem Fall. Dabei handelt es sich vorwiegend um Nuancen des Verbstammes ‚gehen‘ sowie um einen semantisch nahezu leeren Verbstamm, der es dem Deutschen ermöglicht, den Pfad bzw. das Resultat der Typologie entsprechend auf einen Satelliten auszulagern. Gleichzeitig wird mit 60% die Mehrheit aller Verbstämme lediglich durch Manier kodiert. In Bezug auf Bauer (2010) konnte zudem dargestellt werden, dass das Deutsche auch im Kontext der Bibel Manier sehr ausdifferenziert verwendet und auch Manierverbstämme mit Bewegung verbindet, die im Allgemeinen nicht damit verbunden werden.

Verbstämme, die lediglich Pfad kodieren, sind im Deutschen äußerst selten, wobei die Sprache eine Präferenz für den deiktischen Verbstamm ‚kommen‘ aufweist. Pfad wird jedoch insgesamt hauptsächlich in Präpositionen, Adverbien sowie dominant in Partikeln ausgedrückt. Resultat findet sich dagegen – der Typologie entsprechend – vorwiegend in Präfixen. Die Untersuchung von Besitzwechselverbstämmen zeigt weiterführend, dass die Merheit sowohl mit Pfad als auch mit Manier (63,64%) asoziiert werden kann. Im Hinblick auf sowohl Besitzwechsel- als auch Platzierungsverbstämme kann zudem These von Croft et.al. (2010) unterstützt werden, dass bestimmte Wortgruppen eine semantische Kategorie bevorzugen. Gleichzeitig zeigen sich dennoch Tendenzen, die den typologischen Charakteristika der jeweiligen Sprache entsprechen.

Mithilfe dieser Arbeit konnten Ausschnitte von Bibelübersetzungen in ihren sprachlichen Zusammenhang eingeordnet werden. Als religiöse Grundlage des kultureinflussreichen Christentums sind diese Ergebnisse bedeutend, da hiermit dargestellt werden kann, dass die Texte in einem sprachlichen und kulturellen Kontext existieren und nicht als allgemeingültige Konzepte aufgefasst werden sollten. Die Ergebnisse müssen jedoch dadurch eingeschränkt werden, dass es sich hierbei lediglich um einen kleinen Ausschnitt eines spezifischen Textes handelt. Weiterhin wäre eine Reflexion der Originaltexte in diesem Zusammenhang wünschenswert. Offen bleibt außerdem die Frage, wie die sprachlichen Unterschiede die Rezeption und Auslegung der Texte tatsächlich beeinflusst.

  • 2
    Zwar handelt es sich hier um einen mehrdeutigen Begriff, der als ‚cause‘ missverstanden werden könnte. Er soll jedoch ausschließlich lokal verstanden werden und wird hier aufgrund seiner Nähe zum englischen Original und damit zur höheren Transparenz zwischen den Sprachen verwendet.
  • 3
    Partikeln wie ‚ab‘ und ‚aus‘ sind im Gegensatz zu Präfixen wie ‚be-‘ und ‚ent-‘ trennbar.
  • 4
    Im Folgenden werden Zitate aus der dem Matthäus-Evangelium der Lutherbibel (2017) mit der Sigle ‚Mat‘ zitiert. Nachweise erfolgen im Fließtext.

Declaração de Disponibilidade de Dados

Os dados que fundamentam esta pesquisa podem ser obtidos sob consulta com o autor.

Literaturverzeichnis

  • Bauer, Lena: Bewegungsereignisse im Deutschen als Fremdsprache. Lexikalisierungsmuster bei japanischen Lernern Masterarbeit (Masterarbeit im Fach Deutsch als Fremdsprache) – Institut für deutsche Sprache und Linguistik, Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin, 2010.
  • Beyer, Yehn-Hsi: Raum-zeitliche Konzeptualisierung bei der Darstellung von Ereignissen. Ein Vergleich zwischen chinesischen, englischen und deutschen Sprechern Dissertation (Promotion in der Neuphilologie) – Institut für Deutsch als Fremdsprachenphilologie, Ruprecht-Karls Universität Heidelberg, Heidelberg, 2016.
  • Blake, John. As the 2024 Campaign heats up, be wary of politicians who ‚textjack‘ the Bible. CNN (03.10.2023). Verfügbar unter: https://edition.cnn.com/2023/10/03/us/politicians-bible-verses-textjacking-christianity-cec/index.html (28/08/2024).
    » https://edition.cnn.com/2023/10/03/us/politicians-bible-verses-textjacking-christianity-cec/index.html
  • Croft et.al.: Revising Talmy’s Typological Classification of Complex Events. In: Boas, Hans (org.): Contrastive Construction Grammar Amsterdam und Philadelphia: John Benjamins, 2010, 217-235.
  • Crystal, David: Whatever happened to Theolinguistics? In: Crystal, David und Kopytowska, Monika (org.): Religion, Language and the Human Mind New York: Oxford University, 2018, 3-18.
  • Deutsche Bibelgesellschaft (org.). Die Bibel. Nach Martin Luthers Übersetzung Revidiert. Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 2017.
  • Dohmen, Christoph und Hieke, Thomas: Das Buch der Bücher. Die Bibel – eine Einführung Regensburg: Friedrich pustet, 2019.
  • Dudenredaktion (org.): ,stecken‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/kommen (22/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/kommen
  • Dudenredaktion (org.): ‚geben‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/geben (23/06/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/geben
  • Dudenredaktion (org.): ‚gehen‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/gehen (08/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/gehen
  • Dudenredaktion (org.): ‚kommen‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/kommen (14/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/kommen
  • Dudenredaktion (org.): ‚legen‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/legen (22/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/legen
  • Dudenredaktion (org.): ‚nehmen‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/nehmen (23/06/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/nehmen
  • Dudenredaktion (org.): ‚schicken‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/schicken (08/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/schicken
  • Dudenredaktion (org.): ‚treten‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/treten (08/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/treten
  • Dudenredaktion (org.): ‚tun‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/tun_handeln (13/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/tun_handeln
  • Dudenredaktion (org.): ‚überantworten‘. Duden Online Verfügbar unter: https://www.duden.de/rechtschreibung/ueberantworten (08/08/2024).
    » https://www.duden.de/rechtschreibung/ueberantworten
  • DWDS (org.): ‚ausliefern‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/ausliefern (23/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/ausliefern
  • DWDS (org.): ‚bringen‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/bringen (23/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/bringen
  • DWDS (org.): ‚liegen‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/liegen (22/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/liegen
  • DWDS (org.): ‚sitzen‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/sitzen (22/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/sitzen
  • DWDS (org.): ‚stecken‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/stecken#1 (22/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/stecken#1
  • DWDS (org.): ‚überantworten‘. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Verfügbar unter: https://www.dwds.de/wb/überantworten (23/08/2024).
    » https://www.dwds.de/wb/überantworten
  • Fagard, Benjamin und Kopecka, Anetta. Source/ Goal (a)symmetry. A comparative study of German and English. Studies in Language v. 45 n. 1, 130-17, 2020.
  • Grenoble, Lenore: Deixis and Information Packaging in Russian Discourse Amsterdam und Philadelphia: John Bejamins, 1998.
  • Guiness World Records (org.): Best-selling book 2021. Verfügbar unter: https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/best-selling-book-of-non-fiction/# (28/08/2024).
    » https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/best-selling-book-of-non-fiction/#
  • Günther, Hartmut: Mit Feuereifer und Herzenslust. Wie Luther unsere Sprache prägte 1. ed. Duden. Berlin 2017.
  • Guse, Laura: Bewegungskonstruktionen des Deutschen. Korpusstudien zur Versprachlichung von Bewegungsereignissen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive Tübingen: Narr Francke Attempto, 2024.
  • Kasper, Simon. Der Mensch und seine Grammatik. Eine historische Korpusstudie in anthropologischer Absicht Habilitationsschrift. Tübingen: Narr Francke Attempto, 2020.
  • Lapper, Richard. Beef, Bible and Bullets. Brazil in the Age of Bolsonaro Manchester: Manchester University, 2021.
  • Lenz, Alexandra. Vom ‚kriegen‘ und ‚bekommen‘. Kognitiv-semantische, variationslinguistische und sprachgeschichtliche Perspektiven Berlin und Boston: De Gruyter, 2013.
  • Ochsenbauer, Anne-Katharina und Hickmann, Maya. Children’s Verbalization of Motion Events in German. Cognitive Linguistics v. 21 n. 2, 217-238, 2010.
  • Polenz, Peter von. Martin Luther und die Anfänge der deutschen Schriftlautung. In: Grosse, Rudolf (org.): Sprache in der sozialen und kulturellen Entwicklung Bd. 73. Berlin: Akademie Berlin, 1990, 185-196.
  • Schildenberger, Johannes: Die Bibel in Deutschland. Das Wort Gottes und seine Überlieferung im deutschen Sprachraum Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 1965.
  • Slobin, Dan: The many Ways to Search for a Frog. Linguistic Typology and the Expression of Motion Events. In: Strömqvist, Sven und Verhoeven, Ludo (org.): Relating Events in Narrative 2. Typological and Contextual Perspectives Mahwah: Lawrence Erlbaum, 2004, 219-257.
  • Tallerman, Maggie. Understanding Syntax 5. Ausg. New York: Routledge, 2020.
  • Talmy, Leonard. Lexical Typologies. In: Shopen, Timothy (org.): Language Typology and Syntactic Description 2. ed. Cambridge: Cambridge University, 2007.
  • Tanaka, Shin: Deixis und Anaphorik. Referenzstrategien in Text, Satz und Wort Berlin und Boston: Walter de Gruyter, 2011.
  • Urban, Martin: Die Bibel. Eine Biographie 1. ed. Berlin: Galiani Berlin, 2009.
  • Wentz, Gunther und Haustein, Jens. Doppelrezension. Die Bibel. Nach Martin Luthers Übersetzung. Lutherbibel, revidiert 2017. Arbitrium v. 36, 163-176, 2016.
  • Woerfel, Till J. Nesta: Encoding Motion Events. The Impact of Language-Specific Patterns and Language Dominance in Bilingual Children Boston und Berlin: De Gruyter, 2018.
  • Zhang, Can. Expression of Motion Events by German, Chinese and English Native Speakers and German Learners of Chinese and English Dissertation (Promotion in der Philosophie) – Institut für Moderne Sprachen, Ruprecht-Carls Universität Heidelberg, Heidelberg, 2020.
  • Zlatev et.al.: Motion Event Description in Swedish, French, Thai and Telugu. A Study in Post-Talmian Motion Event Typology. Acta Linguistica Hafniensia v. 53 n. 1, 58-90, 2021.
  • Editora
    Juliana Ferraci Martone

Publication Dates

  • Publication in this collection
    12 June 2026
  • Date of issue
    2026

History

  • Received
    07 Nov 2025
  • Accepted
    16 Feb 2026
location_on
Universidade de São Paulo | Faculdade de Filosofia, Letras e Ciências Humanas | Departamento de Letras Modernas | Área de Lingua e Literatura Alemã Av. Prof. Luciano Gualberto, 403 - Cidade Universitária, CEP: 05508-900 - São Paulo - SP - Brazil
E-mail: pandaemonium.germanicum@usp.br
rss_feed Acompanhe os números deste periódico no seu leitor de RSS
Ir para o topo Reportar erro