Open-access Die weiche Macht im Härtetest: Eine kritische Analyse von Soft Power in der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik am Beispiel des brasilianischen Fachkräftediskurses

Soft Power under Pressure: A Critical Analysis of German Foreign Cultural and Educational Policy through the Lens of the Brazilian Skilled Labor Discourse

Zusammenfassung

Die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) gilt seit Jahrzehnten als ein zentrales Element deutscher Soft Power. Durch Kultur-, Sprach- und Bildungsprogramme soll sie internationale Verständigung fördern, Vertrauen schaffen und Deutschland als attraktiven Partner positionieren. Doch wie ‚weich‘ ist diese Machtform tatsächlich (noch)? Der Beitrag nimmt den brasilianischen Kontext in den Blick und fragt, inwiefern diese Politik weiterhin als Soft Power verstanden werden kann oder ob sie längst von strategischen Steuerungsinteressen geprägt wird. Im Fokus steht die Verknüpfung kultureller Anziehungskraft mit migrations- und arbeitsmarktpolitischen Zielsetzungen, insbesondere im Kontext des Fachkräftediskurses. Sprachförderung, Mobilitätsprogramme und Bildungskooperationen erscheinen dabei weniger als neutrale Instrumente der Verständigung, sondern als strukturierte Maßnahmen, die durch epistemische Rahmung zugleich normativ vorgeben, wie Bildung, Sprache und Migration zu denken sind, und die gezielt auf die Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte sowie die Sicherung geopolitischer Interessen ausgerichtet sind. Daraus ergeben sich Spannungsfelder zwischen dem Anspruch partnerschaftlicher Zusammenarbeit und faktischen Asymmetrien in der Einflussnahme. Ziel des Beitrags ist es, diese Ambivalenzen sichtbar zu machen und damit Impulse für eine kritische Neubewertung der AKBP zu geben.

Stichwörter
Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik; Sprachenpolitik; Soft Power ; Macht; Fachkräfte

Abstract

Germany’s Foreign Cultural and Educational Policy (AKBP) has long been regarded as a central element of German soft power. Through cultural, linguistic, and educational programs, it is intended to promote international understanding, foster trust, and position Germany as an attractive partner. But how “soft” can this form of power actually be considered? This article examines the Brazilian context and asks whether this policy can still be understood as soft power or whether it has already been shaped by strategic national interests. The focus is on the interlinkage of cultural appeal with migration and labor market objectives, particularly within the discourse on skilled labor. Language promotion, mobility programs, and educational cooperation appear less as neutral instruments of understanding than as structured measures that, through epistemic framing, normatively define how education, language, and migration are to be conceptualized, while simultaneously aiming at the recruitment of qualified workers and the safeguarding of geopolitical interests. This creates tensions between the rhetoric of partnership-based cooperation and the realities of asymmetrical influence. The aim of the article is to make these ambivalences visible and thereby stimulate a critical reassessment of the AKBP.

Keywords
foreign cultural and educational policy; language policy; soft power; power; skilled workers

1 Einführung

Internationale Bildungskooperationen gelten gemeinhin als Paradebeispiel sogenannter Soft Power (weicher Macht) – jenes Konzepts, das auf die Attraktivität von Kultur, Sprache und Werten als machtpolitische Ressourcen setzt (Nye 1990, 2004). Auch die deutsche Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) wird regelmäßig in diesem Sinne gerahmt: als Element einer wertebasierten Außenpolitik, das auf Verständigung, Partnerschaft und langfristige Kooperation zielt (Lettau & Kaitinnis 2024). Doch wie soft ist diese Form der Machtausübung tatsächlich (noch)? Und inwiefern überschreiten aktuelle bildungs- und migrationspolitische Strategien die klassische Logik von Soft Power?

Angesichts globaler Umbrüche und wachsender migrationspolitischer Herausforderungen verschwimmen die Grenzen zwischen kooperativen Bildungsbeziehungen und strategischer Steuerung zunehmend. Während die deutsche AKBP zentrale Leitlinien wie Offenheit und wechselseitige Bereicherung betont, agiert sie zugleich in einem Kontext, der durch geopolitische Zielsetzungen, wirtschaftliche Standortüberlegungen und asymmetrische Wissensordnungen geprägt ist. Besonders deutlich zeigt sich dieses Spannungsverhältnis im sogenannten Globalen Süden2, wo lokal gewachsene Bildungstraditionen und strukturelle Realitäten auf international standardisierte Programme treffen.

Vor allem die Fachkräftepolitik erweist sich dabei als zentrale Triebkraft dieser Verschiebung. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FKEG), das 2020 in Kraft trat und 2023 novelliert wurde, verfolgt die Bundesregierung das Ziel, qualifizierte Zuwanderung systematisch zu fördern. Deutschland wirbt aktiv im Ausland um Fachkräfte für Mangelberufe. Sprachzertifikate, Mobilitätsprogramme und Bildungskooperationen bilden dabei nicht nur die operative Grundlage für Anwerbung und Vorbereitung, sondern stehen zugleich exemplarisch für die enge Verschränkung von Bildungskooperation und migrationspolitischer Steuerung (Bundesregierung 2023; BMI 2023).

Die jüngste Erhebung des Auswärtigen Amts „Deutsch als Fremdsprache weltweit 2025“ nennt Brasilien als Schwerpunktland für diese Entwicklung. Um dem akuten Mangel an Deutschlehrenden zu begegnen, soll Deutschland selbst in die Ausbildung eingreifen und „qualifizierte“ (Auswärtiges Amt 2025: 12) Multiplikatoren schaffen. Lehrkräftebildung orientiert sich damit weniger an lokalen Bedürfnissen als an deutschen Interessen. Das Programm APAL (Ausbildungspartnerschaften mit Asien und Lateinamerika), umgesetzt vom Goethe-Institut und der Bundesagentur für Arbeit, verdeutlicht die enge Verbindung von Sprachförderung und Arbeitsmarktpolitik: Es bereitet gezielt junge Menschen auf eine duale Ausbildung in Deutschland vor (Auswärtiges Amt 2025). In dieser Logik wird die Förderung von Deutsch als Zusatzsprache (DaZu)3 zu einem zentralen Instrument: Sprachkurse, Mobilitätsprogramme und Bildungskooperationen erscheinen weniger als neutrale Instrumente interkultureller Verständigung, sondern zunehmend als strukturierte Maßnahmen, die durch epistemische Rahmung normative Vorgaben für das Denken von Bildung, Sprache und Migration setzen und zugleich auf die Gewinnung dringend benötigter Fachkräfte für Deutschland abzielen.

Der vorliegende Beitrag nimmt diesen Widerspruch zum Ausgangspunkt und fragt, inwiefern die AKBP heute noch als Soft Power verstanden werden kann oder ob sie bereits Teil einer umfassenderen Smart Power-Logik ist, in der kulturelle Attraktivität systematisch mit arbeitsmarkt-, migrations- und geopolitischen Interessen verknüpft wird. Analysiert werden diese Dynamiken anhand des brasilianischen Kontextes, einem der Schwerpunktländer deutscher Fachkräftepolitik. Auf Basis einschlägiger politischer Dokumente und Strategiepapiere sowie entlang der analytischen Makro-, Meso- und Mikroebene wird gezeigt, wie soft deklarierte Ziele in operative Programme übersetzt werden, die Spannungsfelder zwischen Kooperation und asymmetrischer Einflussnahme erzeugen. Ziel ist es, diese Ambivalenzen sichtbar zu machen und Impulse für eine kritische Neubewertung der AKBP zu geben.

2 Soft Power revisited: Begriff und Anspruch

Macht als Mittel staatlicher Außenpolitik war lange Zeit nahezu synonym mit militärischer Gewalt oder ökonomischem Druck. In dieser klassischen Perspektive, die als Hard Power (harte Macht) bezeichnet wird, vollzieht sich internationale Einflussnahme durch Drohung, Sanktionen oder Zwänge (Nye 1990, 2004). Hard Power war über Jahrhunderte hinweg prägend für koloniale Expansion, imperiale Herrschaft und geopolitische Rivalitäten (Cooper 2004; Wagner 2005; Cambpell, O'Hanlon 2006).

Auch wenn der Begriff der Sprach(en)politik4 historisch rückprojiziert ist, zeigt sich in der kolonialen Expansion, dass Sprache untrennbar mit der Logik von Hard Power verbunden war. Während der Kolonialisierung nutzten zahlreiche europäische Staaten Sprache gezielt als Herrschaftsinstrument: Sie förderten die Verbreitung der eigenen Sprache, unterdrückten gleichzeitig lokale Sprachen und trugen so nicht selten zum Verschwinden ganzer Sprachgemeinschaften bei. Andere Kolonialmächte wiederum verzichteten bewusst auf eine solche Sprachverbreitung, aus Sorge, eine sprachlich gestärkte Bevölkerung könnte sich ihrer Kontrolle entziehen.5 Diese divergierenden Strategien hatten langfristige Auswirkungen auf die sprachliche Landschaft ehemaliger Kolonien und beeinflussen bis heute die Verbreitung und Stellung kolonialer Sprachen in postkolonialen Nationalstaaten (Pennycook 1998; Müller de Oliveira 2009; Krumm 2021).

Mit dem weitgehenden Verlust der Legitimität offener repressiver Sprachenpolitik auf internationaler Ebene wandelte sich auch die Ausrichtung staatlicher Einflussstrategien: Heutzutage wird die auswärtige Sprachenpolitik zumeist dem Bereich der Soft Power zugerechnet. Anstelle von Zwang und Dominanz zielt sie auf Attraktivität, kulturelle Ausstrahlung und die Förderung internationaler Verständigung mit dem strategischen Ziel, das Ansehen eines Landes zu stärken und dessen Interessen auf der globalen Bühne indirekt durch Anziehungskraft durchzusetzen (Nye 1990). Auch wenn die von Nye Ende der 1980er Jahre entwickelten Begriffe keine geschlossene Theorie im engeren Sinne bilden, haben sie sich etabliert und prägen seither den Diskurs über die politische und propagandistische Wirksamkeit von Kunst, Kultur und Werten. Kunst kann jedoch nicht einzig als Mittel politischer Propaganda verstanden werden. Vielmehr ermöglicht sie auch Empathie gegenüber anderen Kulturen und Ideologien (Braff 2023 zit. nach Capela 2023). So lässt sich an populärkulturellen Beispielen zeigen, wie kulturelle Repräsentationen, ob literarisch, filmisch oder musikalisch, subtile Wirkungen entfalten und zur Identifikation mit bestimmten Werten, Lebensstilen oder Nationen beitragen. Gerade in ihrer Alltäglichkeit offenbart sich das strategische Potenzial kultureller Ausdrucksformen: Sie erzeugen Nähe, Normalität und symbolische Anschlussfähigkeit, ohne dabei offen als machtpolitisches Instrument aufzutreten.

Zur Veranschaulichung dieser Mechanismen kultureller Einflussnahme lässt sich Disneys Figur Zé Carioca heranziehen, die im Rahmen der Good Neighbor Policy6, als sympathischer Papagei aus Rio de Janeiro entworfen wurde. Sie sollte kulturelle Nähe und politische Sympathie für die USA erzeugen, stellte Brasilien jedoch in stereotypisierter Form dar. Damit verdeutlicht Zé Carioca die doppelte Logik von Soft Power: durch freundliche, konsumierbare Bilder Attraktivität zu schaffen und zugleich bestehende Asymmetrien zu stabilisieren (Veiga 2023). In eine ähnliche Richtung argumentiert Suassuna (o. J. zit. nach Mesquita 2025), wenn er zugespitzt feststellt: „Anstelle von Flugzeugträgern schicken die Amerikaner Michael Jackson und Madonna, um Brasilien zu dominieren.“7 Damit verweist er auf die symbolische Macht kultureller Ikonen, die nicht über Zwang, sondern über Anziehungskraft wirken. Diese Beispiele verdeutlichen, wie Soft Power auf alltäglicher, popkultureller Ebene wirksam werden kann, nämlich subtil, emotional anschlussfähig und oft unbewusst. Doch diese Form symbolischer Einflussnahme ist keineswegs auf Popkultur beschränkt. Vielmehr entfaltet sie ihre volle Wirkung dort, wo sie mit institutionellen Strategien und politischer Steuerung verknüpft wird, etwa in der Auswärtigen Kulturpolitik, in der Bildungsexport, Sprachförderung und Wertevermittlung systematisch miteinander verwoben werden. In diesem erweiterten Verständnis wird Soft Power zunehmend nicht nur als kulturelles Phänomen, sondern als strukturierter Bestandteil außenpolitischer Praxis verstanden. Diese Verschiebung steht im Einklang mit einer globalen Tendenz hin zu einer wertebasierten Außenpolitik, die sich verstärkt auf Kultur, normative Prinzipien und internationale Partnerschaften stützt und insbesondere im Kontext europäischer Außenbeziehungen eine dominante Rolle einnimmt. Somit zählt Deutschland seit Jahren zu den führenden Nationen im internationalen Soft Power-Ranking, das seit 2010 von der britischen Regierung in Zusammenarbeit mit Brand Finance veröffentlicht wird.8 Zwischen 2015 und 2024 rangierte das Land durchgängig unter den ersten vier, erreichte 2021 sogar Platz eins und wurde 2024 auf Rang fünf eingestuft, wobei es weiterhin als global führend im Bereich „Governance“ (Brand Finance 2024: 35) gilt. Diese Stabilität unterstreicht, wie dauerhaft symbolisches Ansehen als Ressource internationaler Politik wirken kann oder kurz gesagt: „Soft Power is remarkably sticky“ (Brand Finance 2024: 18).

Doch gerade diese Beharrlichkeit macht deutlich, dass Soft Power nicht nur von den eingesetzten Mitteln abhängt, sondern maßgeblich durch ihre Rezeption bestimmt wird. Wie Nye (2003) betont, entscheidet letztlich der Kontext, ob kulturelle Angebote als anziehend oder abschreckend wahrgenommen werden. Ein und dieselbe Botschaft kann, je nach Nation bzw. Umfeld, Zustimmung oder Ablehnung hervorrufen. Soft Power ist demnach eine zutiefst relationale Form von Macht (Ohnesorge 2024), deren Wirkung nicht objektiv festgelegt, sondern immer situativ ausgehandelt wird. In dieser Dynamik liegt auch eine Verbindung zu dem Foucaultschen Verständnis von Macht als einem Netz kontextabhängiger Relationen, das nicht zentral gesteuert, sondern situativ wirksam wird (Foucault 2005). Macht erscheint hier nicht als monolithischer Block, sondern als verteilte, prozesshafte und diskursiv geprägte Form der Einflussnahme. Dieser Ansatz erweist sich insbesondere für die Analyse von Kultur- und Bildungspolitik im internationalen Raum als erkenntnisreich, da er es ermöglicht, Macht nicht als eindeutig lokalisierbares Instrument, sondern als relationales Gefüge situativer Aushandlungen zu begreifen. In dieser Perspektive stehen nicht die hierarchische Steuerung oder die Absicht eines Akteurs im Vordergrund, sondern vielmehr die Wirkungsweisen, die sich im Zusammenspiel von Diskursen, Praktiken und Kontextbedingungen entfalten. Diese theoretischen Überlegungen zur Fluidität und Kontextgebundenheit symbolischer Macht bilden die konzeptionelle Grundlage für eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Sie laden dazu ein, Soft Power nicht als gegebenes oder normativ erwünschtes Ideal zu verstehen, sondern als ambivalente Praxis, die sich zwischen strategischer Anziehung, selektiver Steuerung und geopolitischer Interessenpolitik bewegt.

3 Die Geschichte der deutschen AKBP im Spiegel der Soft Power

Die Geschichte der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) der Bundesrepublik Deutschland ist seit jeher eng mit dem Konzept der Soft Power verknüpft. Kulturpolitik diente dabei von Beginn an nicht ausschließlich der Förderung von Kunst und Bildung, sondern wurde zugleich als gezieltes Instrument zur Gestaltung internationaler Beziehungen verstanden. Dieses Spannungsfeld wurde bereits von Spranger (1923: 1087) formuliert, der zwischen „Kultur durch Macht“ und „Macht durch Kultur“ unterschied. Diese Ambivalenz prägt die Entwicklungslinien der deutschen AKBP bis in die Gegenwart und verweist auf die doppelte Logik einer symbolischen wie strategischen Außenpolitik.

3.1 Phase 1: Rehabilitierung durch Kultur (1949–1969)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Verlust politischer Gestaltungsmacht richtete die Bundesrepublik Deutschland ihre Außenpolitik auf drei zentrale Ziele aus: die Wiedererlangung der Souveränität, die Etablierung gleichberechtigter internationaler Beziehungen und die Wiederherstellung außenpolitischer Handlungsfähigkeit (Schneider, A. 2000). Da militärische und ökonomische Mittel eingeschränkt waren, griff die junge Bundesrepublik auf symbolische Ressourcen, insbesondere auf Kultur, Bildung und Sprache zurück, um internationale Anerkennung zu gewinnen (Ammon 1989; Schulte 2000). Dies entsprach früh der Logik von Soft Power.

Bereits 1951 wurde im Auswärtigen Amt (AA) die Abteilung für Auswärtige Kulturpolitik eingerichtet. Der Fokus lag dabei auf einer vorsichtigen Selbstdarstellung, bei der „die guten Seiten Deutschlands“ (Auswärtiges Amt 1988: 9) nach außen getragen und das Vertrauen anderer Staaten behutsam zurückgewonnen werden sollte (Auswärtiges Amt 1988). Diese Zurückhaltung unterstrich den Bruch mit der NS-Propaganda und folgte einem Soft-Power-Paradigma, das auf Freiwilligkeit und kulturelle Anziehungskraft setzte. Parallel dazu wirkten emigrierte Deutsche als kulturelle Vermittler:innen eines demokratischen Deutschlandbildes. Ihre sprachliche und kulturelle Präsenz im Ausland trug zur Imagepflege bei und ermöglichte der Bundesrepublik, auf informelle Weise wieder Anschluss an internationale Diskurse zu finden (Hüllen 1981; Schneider, A. 2000).

Ab Anfang der 1950er Jahre nahmen auch zentrale Mittlerorganisationen ihre Arbeit wieder auf: der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) (1950) und das Goethe-Institut (1951), das ab 1953 weltweit expandierte (Auswärtiges Amt 1988). Diese Organisationen wurden zu tragenden Säulen der deutschen AKBP und zu zentralen Instrumenten kultureller Außenpolitik, mit denen die Bundesrepublik ihre internationale Präsenz ausbaute. Im Spannungsfeld des entstehenden Kalten Krieges erhielt diese kulturelle Strategie eine besondere politische Bedeutung: Kultur wurde zur Bühne geopolitischer Auseinandersetzungen, auf der sich konkurrierende Gesellschaftssysteme symbolisch inszenierten. Kritische Stimmen, insbesondere aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), interpretierten die frühen Aktivitäten der westdeutschen AKBP daher nicht als humanistische Mission, sondern als Teil eines verdeckten machtpolitischen Programms. Förster (1960: 10) etwa spricht von „unauffälliger Einflussnahme“ und sieht hinter der Fassade kultureller Vermittlung reale außenpolitische Interessen am Werk. In diesem Licht erschien die deutsche Kulturförderung weniger als freiwilliges Angebot, sondern vielmehr als strategisches Instrument, mit dem die Bundesrepublik im ideologischen Systemwettstreit des Kalten Krieges gezielt Einflusszonen aufbauen wollte. Diese Praxis lässt sich als typische Ausprägung von Soft Power verstehen, insofern sie auf symbolische Machtressourcen setzte, um politische Positionierungen im globalen Blockkonflikt zu stärken.

Tatsächlich blieb Sprachenpolitik zunächst ein untergeordnetes Teilsegment der AKBP. Erst ab Mitte der 1960er Jahre entwickelte die Bundesregierung ein spezifisches Konzept zur Sprachverbreitung9 im Ausland (Ammon 1989). Der Bericht „Die Situation der deutschen Sprache in der Welt“ (Bundesregierung 1967) markierte hier einen Wendepunkt. Er konstatierte, dass Deutsch seine frühere wissenschaftliche Dominanz verloren hatte, betonte jedoch seine Relevanz als Bildungssprache. Die Förderung der deutschen Sprache wurde als notwendig angesehen, um kulturelle Präsenz zu sichern und internationale Kommunikationsräume zu beeinflussen (Bundesregierung 1967).

Mit der Gründung der Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) (1968) und dem Regierungswechsel zu Willy Brandt (1969) begann eine neue Phase, die durch verstärkte Internationalisierung und eine Ostöffnung geprägt war, was nachfolgend thematisiert wird.

3.2 Phase 2: Erweiterung des Kulturbegriffs und strategische Sprachförderung (1969–1982)

Mit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt vollzog sich eine inhaltliche Neuausrichtung der AKBP, die stark von demokratischen und gesellschaftspolitischen Reformimpulsen geprägt war. In seiner Regierungserklärung von 1969 betonte Brandt die Bedeutung kultureller Auseinandersetzung und geistiger Unruhe als Teil eines neuen, offenen Deutschlands (Bundesregierung 1969 zit. nach Beyme 1979). Kulturpolitik sollte kein Export nationaler Überlegenheit mehr sein, sondern Ausdruck einer „Außenpolitik der Gesellschaften“ (Dahrendorf 1969: 1255, zit. nach Singer 2003: 15).

Die 1970 eingesetzte Enquete-Kommission „Auswärtige Kulturpolitik“ markierte einen institutionellen Einschnitt: Ihr erweiterter Kulturbegriff verstand kulturelle Außenbeziehungen explizit als „zwischenstaatliche Kultur- und Gesellschaftspolitik“ (Auswärtiges Amt 1970, zit. nach Schneider, W. 2010: 87). Dieser Perspektivwechsel kann zugleich als Neubewertung von Soft Power angesehen werden, insofern sie nicht mehr nur als passive Imagepflege, sondern als strategisch zu gestaltende Ressource verstanden werden kann. Die Betonung eines partizipativen Dialogs und der Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure schien das Verhältnis zu den Partnerländern auf eine gleichberechtigtere Basis stellen zu wollen. Gleichzeitig zeigt sich in den Empfehlungen der Enquete-Kommission (Bundesregierung 1975), aber dass Soft Power in der Praxis bereits stärker instrumentell gedacht wurde.

Die Förderung bzw. Verbreitung der deutschen Sprache wurde ab Mitte der 1970er Jahre systematisch ausgebaut, insbesondere mit Blick auf Multiplikator:innen im Ausland. Diese sollten nicht nur sprachlich qualifiziert, sondern gezielt als Träger:innen eines modernen, wirtschaftlich starken und kulturell offenen Deutschlandbildes positioniert werden (Bundesregierung 1975). Der Aufbau dieser Personengruppen erscheint somit nicht als Nebenprodukt, sondern als Teil einer strategisch angelegten Soft-Power-Politik, die auf langfristige Wirkung im kulturellen und politischen Umfeld anderer Staaten abzielte.

In Ländern des Globalen Südens, darunter auch Brasilien, lässt sich nachvollziehen, wie die Empfehlungen der Enquete-Kommission (Bundesregierung 1975) auf eine zunehmend strategisch ausgerichtete Sprachen- und Bildungspolitik hinwirkten, die über rein symbolische Verständigung hinausging. Die Auslandsschularbeit sollte demnach nicht nur zur Ausbildung lokaler Lehrkräfte beitragen, sondern auch

erzieherische und didaktische Erfahrungen und Methoden des deutschen Erziehungswesens vermitteln, sich an der Fortbildung von einheimischen Lehrkräften beteiligen und sich — in Zusammenarbeit mit Goethe-Instituten und DAAD-Lektoren — als auf Dauer angelegte Institution zu einem Basiselement der kulturellen Zusammenarbeit entfalten

(Bundesregierung 1975: 14).

Diese Maßnahmen zielten auf eine vertiefte kulturelle Zusammenarbeit, lassen sich aber zugleich als Ausdruck einer Soft-Power-Strategie deuten, in der durch Bildungsangebote auch Einfluss auf pädagogische Praxis und inhaltliche Ausrichtung im Gastland genommen werden konnte. In der praktischen Umsetzung verband sich diese Zielsetzung mit dem Anspruch, deutsche Standards zu etablieren. Es wird deutlich, dass die Standardisierung deutscher Sprache und Didaktik, bspw. durch die „gründliche didaktische Aufarbeitung der deutschen Grammatiken und Lehrbücher“ (Bundesregierung 1975: 23) sowie durch „eine linguistische Erforschung der deutschen Gegenwartssprache“ (Bundesregierung 1975), auch bestehende lokale Sprachvarietäten und pädagogische Traditionen tendenziell in den Hintergrund treten ließ. Daraus lässt sich schließen, dass deutschsprachige Gemeinschaften, wie bspw. in Brasilien, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg noch als Multiplikator:innen dienten, sich mit wachsenden Vereinheitlichungsansprüchen konfrontiert sahen, da ihre spezifischen sprachlich-kulturellen Praktiken nur begrenzt berücksichtigt wurden.

Zudem zeigen die Empfehlungen zur Qualifizierung von Sprachmittler:innen, etwa durch Fortbildungsangebote und Fernunterrichtsmaterialien zur Vermittlung eines „zeitgemäßen Deutschlandbildes“ (Bundesregierung 1975: 62), dass Soft Power in dieser Phase auch institutionell und längerfristig angelegt war. Wenngleich diese Bemühungen in erster Linie auf Verständigung und Kooperation ausgerichtet waren, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie auch mit einer gewissen inhaltlichen Einflussnahme einhergingen, insbesondere dort, wo lokale Akteure nicht gleichberechtigt in die Entwicklung dieser Programme eingebunden waren.

3.2 Phase 3: Nationale Rezentrierung und Rhetorik der Leitkultur (1982–1990)

Unter der christlich-liberalen Koalition veränderte sich der Ton der AKBP erneut. Helmut Kohl und Franz Josef Strauß forderten eine stärkere Verbreitung der deutschen Sprache (Bundesregierung 1983) sowie eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte (Bundesregierung 1986). Strauß’ Kritik richtete sich insbesondere gegen die Mittlerorganisationen, die den erweiterten Kulturbegriff der 1970er Jahre vertraten (Singer 2003). In der Folge erhielten Sprachveranstaltungen Vorrang vor kulturellen Programmen, was sich auch im Etat niederschlug (Ammon 1989). Im Bundestag stieß dieser Kurs jedoch auf Widerstand: SPD, FDP und Grüne betonten die Bedeutung der Goethe-Institute als Orte eines differenzierten Deutschlandbildes (Borgmann in Bundesregierung 1986: 17262).

Analysierend lässt sich diese kulturpolitische Wende als eine frühe Annäherung an jene Rhetorik verstehen, die später von Tibi (1996) unter dem Begriff „Leitkultur“ geprägt wurde und auf einer normativen Vorstellung einer kohärenten, national geprägten kulturellen Identität beruht. Diese Positionierung rückte eine vermeintlich einheitliche Werteordnung in den Vordergrund und schränkte damit die Sichtbarkeit und Anerkennung kultureller Vielfalt ein. Im Kontext der Soft-Power-Thematik verdeutlicht diese Phase, dass kulturelle Außenpolitik nicht per se Ausdruck eines pluralitätsorientierten, dialogischen Machtverständnisses ist. Vielmehr zeigt sich, dass Soft Power auch instrumentalisiert werden kann, um nationale Selbstbilder zu stabilisieren und ideologische Leitlinien im internationalen Raum zu transportieren. Die von der Kohl-Regierung eingeleitete Neuausrichtung markiert insofern einen Bedeutungswandel: Kultur wird nicht länger primär als Raum gegenseitiger Annäherung verstanden, sondern zunehmend als strategisches Mittel, um ein kontrolliertes, normativ aufgeladenes Deutschlandbild zu verbreiten. Damit verschiebt sich der Fokus von kultureller Attraktivität als Wirkung hin zu Attraktivität als geplante Botschaft, was die Grenzen zwischen Soft Power und struktureller Einflussnahme unscharf werden lässt.

3.4 Phase 4: Europäisierung, Globalisierung, Normexport (ab 1990)

Diese Phase ist zeitlich weiter gefasst, da sie mehrere, ineinandergreifende Transformationsprozesse – von der Wiedervereinigung über die Europäisierung bis hin zur Globalisierung – umfasst, in deren Verlauf sich auch die AKBP grundlegend neu ausrichtete. Deutschland sah sich nun nicht mehr allein in der Verantwortung, nationale Interessen zu vertreten, sondern zugleich europäische Werte wie Pluralität, Toleranz und Mehrsprachigkeit aktiv zu fördern (Link 2004). Parallel dazu gewann auf EU-Ebene die Forderung nach einer genuin europäischen Außenkulturpolitik an Gewicht, die über nationale Außenkulturpolitiken hinausgeht und kulturelle Vielfalt als Grundlage einer gemeinsamen Identität sichtbar machen sollte (Maaß 2015). Auch wenn die EU aufgrund ihrer eingeschränkten Kulturkompetenzen10 vor allem ergänzend tätig blieb (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1957), prägten Programme wie bspw. „Kultur 2000“ die institutionelle Verankerung europäischer Kultur- und Bildungspolitik. Ziel dabei war die Förderung eines gemeinsamen europäischen Kulturraums, der durch ein gemeinsames Erbe, aber auch durch kulturelle und künstlerische Vielfalt geprägt ist. Es sollte die europäische Identität stärken und gleichzeitig die kulturelle Diversität sichtbar machen (Singer 2003).

Aus einer machtpolitischen Perspektive lässt sich diese Phase doppelt deuten: Einerseits blieb sie fest im Paradigma der Soft Power, indem Kultur und Sprache als Attraktivitätsressourcen inszeniert wurden, die Sympathie erzeugen und ein positives Bild Europas vermitteln sollten. Europäische Kulturprogramme setzten bewusst auf Verständigung, Austausch und Vielfalt, also auf die ‚weiche‘ Logik kultureller Anziehungskraft. Andererseits verschob sich der Schwerpunkt von rein nationalstaatlichen hin zu eurozentristischen Interessen: Kulturpolitik wurde nun zum Instrument, um nicht nur Vielfalt zu fördern, sondern auch eine gemeinsame europäische Identität nach außen zu projizieren. Damit gewann die AKBP eine normative Dimension, die über klassische Soft Power-Mechanismen hinausgeht.

Mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) (Europarat 2001) wurde zudem die Verbindung von Sprachen- und Kulturpolitik institutionell gefestigt, wodurch normative Standards internationalisiert wurden (Krumm 2021). Der GeR kann dabei (bis heute) als gatekeeper (Quetz & Vogt 2021: 24) angesehen werden. Zwar war sein ursprüngliches Ziel die Förderung von Transparenz, Vergleichbarkeit und Mehrsprachigkeit im europäischen Bildungsraum, doch schon bald wurde er in einem anderen Sinne instrumentalisiert. Die standardisierten Kompetenzstufen ermöglichten es, europaweit einheitliche Maßstäbe zu setzen, die nicht nur didaktische Orientierung boten, sondern zunehmend auch hegemonial wirkten, etwa bei sprachlichen Anforderungen an Migration und Staatsbürgerschaft (Quetz & Vogt 2021). Damit erhielt der GeR eine Funktion, die über seine intendierte pädagogische Rolle hinausging: Er wurde zum Steuerungsinstrument, das über Zugang und Ausschluss entscheidet. In dieser Entwicklung zeigt sich, dass Soft Power in dieser Phase nicht verschwand, sondern sich teilweise in Richtung Smart Power transformierte – kulturelle Attraktivität und normative Standardisierung wurden gezielt miteinander verknüpft, um Europas Einfluss global zu sichern.

4 Von Soft Power zu Smart Power?

Wie dargelegt, versteht sich die deutsche AKBP traditionell als zentraler Bestandteil von Soft Power, eingebettet in Public bzw. Cultural Diplomacy (Auer & Srugies 2023; Lettau & Kaitinnis 2024). Über Jahrzehnte hinweg diente sie dem Ziel, durch Kultur, Sprache und Bildung ein möglichst positives Deutschlandbild zu vermitteln und damit internationale Kooperation zu fördern (Schneider, W. 2018; Lettau & Kaitinnis 2024). Doch was geschieht, wenn diese symbolische Selbstverortung nicht die erhoffte Wirkung entfaltet? Wenn Deutschland international nicht (mehr) als attraktiver Partner wahrgenommen wird und folglich auch die Zielerreichung in der Fachkräftesicherung gefährdet ist? Gerade im digitalen Zeitalter relativieren sich die Einflussmöglichkeiten klassischer Kulturpolitik: Durch Internet und soziale Medien ist der unmittelbare Zugang zu vielfältigen, oft auch kritischen Perspektiven auf Deutschland global verfügbar, sodass einseitige Repräsentationsstrategien schwerer durchsetzbar sind. In solchen Konstellationen zeigen sich, so die in diesem Beitrag vertretene Hypothese, mögliche Grenzen reiner Soft Power-Logik. Dies wirft die Frage auf, ob und unter welchen Bedingungen zusätzliche Maßnahmen erforderlich sind, um außenpolitische und damit kultur- und bildungspolitische Zielsetzungen wirksam verfolgen zu können.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich ein Bedeutungswandel: Bereits der Koalitionsvertrag von 2021 erklärte das Auslandsschulwesen erstmals explizit zur außenpolitischen Priorität, was „keine Selbstverständlichkeit“ (Fornell 2021: o. S.) ist. Mit dem „Masterplan für die Deutschen Auslands- und Partnerschulen“ (Bundesregierung 2024) verbindet die Bundesregierung Ziele wie die Stärkung der deutschen Sprache als „Brücke zu Deutschland“ (Bundesregierung 2024: 2) oder den Ausbau der „Handlungs-, Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit des deutschen Auslandsschulwesens“ (Bundesregierung 2024) Diese Metaphern verdeutlichen, dass sprachliche Bildung zunehmend im Kontext strategischer Interessen interpretiert wird. Offiziell wird dabei auf gesellschaftliche Teilhabe verwiesen, doch zugleich bleibt betont, dass es darum geht, „dringend benötigte Fachkräfte für Deutschland zu gewinnen“ (Bundesregierung 2024: 3).

Diese Linie setzt sich auch nach dem Regierungswechsel fort. Der Koalitionsvertrag von 2025 stellt klar:

Die Sicherung der Fachkräftebasis ist ein entscheidender Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Landes. Deshalb ziehen wir alle Register, damit Fachkräftesicherung in den nächsten Jahren gelingt. […]

(Bundesregierung 2025: 14).

Die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist ein zentraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik, wichtiges Element der Soft Power Deutschlands und damit ein strategisches Instrument im globalen Wettbewerb um Ansehen, Einfluss, Narrative, Ideen und Werte. Sie stärkt den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland. Wir werden sie und die strategische Auslandskommunikation gezielt weiterentwickeln und als geopolitisches Instrument noch wirkungsvoller an unseren Werten und Interessen ausgerichtet einsetzen

(Bundesregierung 2025: 129).

Diese programmatischen Aussagen lassen auf einen Bedeutungswandel schließen: Bildungspolitische Initiativen werden nicht mehr nur als Ausdruck kultureller Verständigung verstanden, sondern zunehmend unter dem Vorzeichen strategischer Interessen interpretiert. Zwar ließe sich argumentieren, dass solche Interessen immer schon Teil der Außenkulturpolitik waren, doch neu ist, dass sie heute deutlich offener kommuniziert und programmatisch in den Vordergrund gestellt werden. Damit wird ein Verständnis von Kulturpolitik erkennbar, das über den traditionellen Rahmen von Soft Power hinausgeht. Auch wenn die Bundesregierung ihre AKBP diskursiv weiterhin als „Soft Power“ (Bundesregierung 2025) bezeichnet, wird sie zunehmend als Teil einer umfassenderen geopolitischen Agenda verstanden, in der kulturelle Angebote zugleich als Vehikel zur Förderung wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und migrationspolitischer Zielsetzungen fungieren.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept der Smart Power an Relevanz – ein von Nye (2003) geprägter Begriff, der für die strategische Verknüpfung von Hard- und Soft Power steht. Dabei erfolgt die Wahl der Mittel stets kontextabhängig: Entscheidend ist nicht allein ihre Verfügbarkeit, sondern die Fähigkeit, situationsgerecht zwischen „Zuckerbrot und Peitsche“ (Nye 2003: 46) zu wählen und diese gezielt zur Wirkung zu bringen. Smart Power ist laut Nye (2003) insbesondere vor dem Hintergrund zweier struktureller Verschiebungen in der internationalen Ordnung zu verstehen: Zum einen verlagert sich wirtschaftliche und politische Macht (power transition), zum anderen steigt die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure in globalen Machtprozessen (power diffusion). Beide Entwicklungen markieren eine Verschiebung im Machtverständnis internationaler Politik und erfordern Strategien, die verschiedene Handlungsebenen integrieren. Smart Power ermöglicht es, auf diese Verschiebungen zu reagieren, nicht durch Dominanz oder Konfrontation, sondern durch gezielte Verknüpfung kultureller Attraktivität, politischer Kooperation und wirtschaftlicher Anreize (Nye 2003). Auch Crocker (2007) hebt hervor, dass Smart Power eine strategische Nutzung von Diplomatie, Überzeugung, Kapazitätsaufbau und Machtausübung bedeutet, die sich durch politische Legitimität und soziale Anschlussfähigkeit auszeichnet. Sie schließt militärische, wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Instrumente ein, jedoch nicht als additive Summe, sondern als gezielte Kombination je nach Wirkungszusammenhang.

Smart Power ist damit mehr als ein funktionales Steuerungsprinzip: Sie steht für ein verändertes außenpolitisches Selbstverständnis, das auf strategische Flexibilität, partnerschaftliche Kooperationsformen und institutionelle Vernetzung setzt, insbesondere in einem zunehmend multipolaren internationalen System (Nye 2009). Zugleich erlaubt sie die Kombination scheinbar widersprüchlicher Elemente: soziale Legitimität und politische Zielverfolgung, Deutungshoheit und Kooperation, Attraktivität und Einfluss. Damit wird sie nicht zuletzt zu einem Instrument aktiver Außenpolitikgestaltung im globalen Süden, bspw. über Partnerschaftsprogramme, internationale Wissenschaftskooperationen oder bildungspolitische Mobilitätsformate.

Diese strategische Neujustierung bleibt nicht abstrakt, sondern schlägt sich konkret in der operativen Ausgestaltung der AKBP nieder. Besonders deutlich wird dies an den sogenannten Schwerpunktländern der Bundesrepublik Deutschland, zu denen auch Brasilien zählt. Hier überlagern sich bildungs-, wirtschafts- und migrationspolitische Interessen auf besonders verdichtete Weise. Um diese Dynamiken systematisch erfassen zu können, ist ein analytischer Zugriff erforderlich, der nicht nur Programme und Zielsetzungen beschreibt, sondern auch die Akteure in den Blick nimmt, durch die politische Strategien formuliert, vermittelt und umgesetzt werden. Der folgende Abschnitt greift diese Überlegungen auf und nähert sich dem Feld der AKBP auf Basis akteurzentrierter Policy-Ansätze. Im Zentrum steht die Frage, wie sich zentrale Akteurskonstellationen entlang der Makro-, Meso- und Mikroebene analytisch fassen lassen, als Voraussetzung für ein tieferes Verständnis strategischer Steuerung im Rahmen von Smart Power.

5 Smart Power entlang dreier politischer Handlungsebenen

Ab den 1980er-Jahren verlagerte sich der Fokus der sozialwissenschaftlichen Politikforschung zunehmend auf Akteure und ihre Handlungslogiken. Politische Steuerung wurde nun nicht mehr als exklusives Handeln staatlicher Instanzen begriffen, sondern als Ergebnis komplexer Interaktionen verschiedener Akteure auf unterschiedlichen Ebenen (Janning 2007; Schneider, V. 2014). Diese Perspektive spiegelt zugleich jene Verschiebungen wider, die zuvor im Rahmen von power diffusion (Nye 2003: 46) beschrieben wurden: Macht verlagert sich zunehmend von staatlichen zu nichtstaatlichen Akteuren, etwa zivilgesellschaftlichen Organisationen, internationalen Netzwerken oder Bildungsinstitutionen. Diese Entwicklung verändert auch die Modalitäten internationaler Kulturpolitik.

Auch wenn dieser Beitrag keine klassische Politikfeldanalyse anstrebt, ist die akteurzentrierte Perspektive hilfreich, um die deutsche AKBP analytisch zu strukturieren. Ausgehend von einer verbreiteten Heuristik, die zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene unterscheidet (Janning 2007; Schneider, V. 2014), ordne ich die relevanten Akteure der AKBP wie folgt ein: Auf der Makroebene finden sich die staatlichen Entscheidungsträger, die die außen- und bildungspolitischen Leitlinien bestimmen, darunter Bundesregierung, Auswärtiges Amt und die Länder mit ihrer Kulturhoheit. Die Mesoebene umfasst Mittlerorganisationen sowie deutsche Hochschulen, die (teils) für die operative Umsetzung zuständig sind. Auf der Mikroebene agieren schließlich lokale Akteure, etwa brasilianische Partnerinstitutionen oder einzelne Lehrkräfte, die konkrete Bildungsangebote realisieren. Diese dreifache Ebenenstruktur wird in Abbildung 1 veranschaulicht:

Abbildung 1
Drei-Ebenen-Modell der AKBP-Akteurslandschaft

Die Verbindung zwischen Makro- und Mesoebene beschreibt den Prozess, in dem politische Leitlinien in institutionelle Strukturen und operative Programme überführt werden. Der Übergang von der Meso- zur Mikroebene zeigt wiederum, wie diese Vorgaben durch Organisationen in konkrete Praktiken wie Kooperationen, Austauschformate oder Bildungsangebote übersetzt werden (Donges 2011). Die Übergänge zwischen diesen Ebenen verlaufen jedoch nicht linear, sondern durch dynamische Kommunikations- und Aushandlungsprozesse. Organisationen spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie sind nicht nur Schnittstellen zwischen Politik und Praxis, sondern selbst aktiv an der Bedeutungsproduktion beteiligt, etwa durch diskursive Rahmungen, strategische Anpassungen oder symbolische Repräsentationen (Donges 2011). Organisationen übernehmen hierbei eine zentrale Vermittlungsrolle: Sie fungieren als Schnittstellen zwischen politischer Steuerung und praktischer Umsetzung und sind zugleich selbst Produkte und Produzierende kommunikativer Prozesse (Simon 1997 [1945]; Luhmann 1997). Sie strukturieren Diskurse, handeln strategisch, reagieren auf externe Deutungsangebote und gestalten symbolische Ordnungen mit, z. B. durch Repositionierungen oder institutionelle Anpassungen (Donges 2011). Damit sind sie nicht nur Orte der Programmdurchführung, sondern auch Akteure mit eigenen Handlungsspielräumen, die politisches Wissen mitprägen und Machtverhältnisse beeinflussen. Gerade diese doppelte Funktion, als Handlungseinheiten und als strukturierende Kontexte, macht Organisationen zu zentralen Analyseeinheiten und verdeutlicht zugleich die Notwendigkeit, politische Akteure begrifflich zu fassen und differenziert zu analysieren.

5.1 Makroebene: Bund und Länder

In der hier gewählten Perspektive zählen Bund und Länder zur Makroebene der AKBP, da sie als zentrale politische Instanzen strategische Leitlinien, normative Zielsetzungen und institutionelle Ressourcen bereitstellen. Der Bund trägt gemäß Grundgesetz (Bundestag 1949: Art. 32, Abs. 1) die Verantwortung für die Pflege der auswärtigen Beziehungen, während die Kulturhoheit den Ländern obliegt (Bundestag 2014). Diese bundesstaatliche Kompetenzverteilung erfordert eine enge Abstimmung, etwa bei bilateralen Kulturabkommen, die seit dem Lindauer Abkommen von 1957 der ausdrücklichen Zustimmung der Länder bedürfen (Kmk 1995). Koordiniert wird dies durch Gremien wie die Kultusministerkonferenz (KMK), den Bund-Länder-Ausschuss für schulische Arbeit im Ausland sowie den Pädagogischen Austauschdienst (PAD). Gerade im Bereich der deutschen Auslandsschulen (DAS) zeigt sich die strukturelle Verzahnung von Bundesfinanzierung und Länderkompetenz besonders deutlich (Harnischfeger 2007).

Obwohl der Bundestag in der operativen Ausgestaltung der AKBP nur eine begrenzte Rolle spielt, verfügt er über ein wirksames Mittel indirekter Steuerung: das Budgetrecht. Durch die Entscheidung über Haushaltsmittel für Mittlerorganisationen oder den Auslandsrundfunk (z. B. Deutsche Welle), kann das Parlament inhaltliche Prioritäten setzen und die Reichweite der AKBP maßgeblich beeinflussen (Schulte 2000; Singer 2003, 2015). Bereits die zuvor erwähnte Enquete-Kommission „Auswärtige Kulturpolitik“ hob 1975 hervor:

Entscheidende Voraussetzung für die Planung, Steuerung und Erfolgskontrolle in der auswärtigen Kulturpolitik ist eine funktionale Haushaltsübersicht, die alle Ausgaben für die kulturelle, wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit mit anderen Staaten erfasst

(Bundesregierung 1975: 33).

Laut aktueller Haushaltszahlen standen 2023 rund 2,1 Milliarden Euro für die AKBP zur Verfügung (Bundesregierung 2024). Hervorzuheben ist, dass nur etwa die Hälfte dieses Budgets über das Auswärtige Amt (AA) abgewickelt wurde. Die übrigen Mittel kamen aus dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) (vormals: Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF) (499 Mio. Euro) sowie der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) (420 Mio. Euro). Weitere Mittel entfielen dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und dem Bundesministerium des Innern (BMI) (Bundesregierung 2024). Dies verdeutlicht, dass neben dem Auswärtigen Amt auch weitere Ministerien zu den zentralen Akteuren des Bundes auf Makroebene gehören, die unterschiedliche Aufgaben abdecken. Das BMZ koordiniert u. a. entwicklungsbezogene Bildungsprojekte, das BMBF ist zuständig für Forschungs- und Hochschulkooperationen, das BMI reguliert migrationspolitische Rahmenbedingungen, das BMFSFJ unterstützt Jugend- und Freiwilligenprogramme, während die BKM sich auf kulturelle Repräsentation konzentriert (Harnischfeger 2007; Ammon 2015). Dies macht deutlich, dass die AKBP ressortübergreifend organisiert ist und nicht allein vom AA verantwortet wird. Die Bundesregierung selbst beschreibt die AKBP daher als Querschnittsaufgabe:

Die AKBP muss, als Bestandteil unserer Außenpolitik, als Instrument globaler politischer und auch geostrategischer Ziele begriffen und weiterentwickelt werden. Sie stellt eine Querschnittsaufgabe der Bundesregierung unter Federführung des Auswärtigen Amts dar, in die sich zahlreiche Bundesressorts einbringen. [...] Neben der kultur- und bildungspolitischen muss auch die wirtschafts- und entwicklungspolitische Dimension der Kultur- und Kreativwirtschaft im Blick behalten werden

(Bundesregierung 2020: 1-2; Hervorhebung der Verfasserin)

Diese ressortübergreifende Struktur lässt sich im Lichte des zuvor eingeführten Smart Power-Konzepts deuten: Kultur- und Bildungspolitik können hier nicht primär als Medium weicher Macht gelesen werden, sondern als Bestandteil einer umfassenden Strategie, die politische, ökonomische und geostrategische Zielsetzungen bündelt. Diese institutionelle Verklammerung zeigt sich prominent in der aktuellen Erhebung „Deutsch als Fremdsprache weltweit“ (Auswärtiges Amt 2025): Deutsch wird dort als „Schlüsselfaktor für Integration und Teilhabe“ (Auswärtiges Amt 2025: 3) im Kontext der Fachkräfteeinwanderung gerahmt. Außerdem sollen die „Instrumente zur Förderung der deutschen Sprache im Ausland bestmöglich ausgerichtet“ (Auswärtiges Amt 2025: 3) werden, d. h. über Programme, Curricula und Prüfungen operativ steuerbar gemacht werden (Auswärtiges Amt 2025). Sichtbar wird das in einer ressortübergreifenden Lehrkräftestrategie mit Brasilien als Pilotland, die Maßnahmen vom Ausbau der Ausbildung über Stipendien und Quereinstiegsmodelle bis zu Image- und Digitalinitiativen bündelt (Auswärtiges Amt 2025). Sprachförderung verschiebt sich damit auf Makroebene vom kulturpolitischen Auftrag hin zu Kapazitätsaufbau, der gezielt die Implementationsfähigkeit deutscher Programme im Ausland erhöht.

Parallel koppelt das Papier Sprachförderung in der Erwachsenenbildung eng an Migrationsinstrumente:

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) und bilaterale Abkommen führen zu stark wachsender Nachfrage nach Deutschkursen. Verstärkend und nachhaltig in diesem Zusammenhang wirken Projekte im Bereich der Vorintegration, z. B. durch den „Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds “ (AMIF) kofinanzierte Projekte des Goethe-Instituts, die gezielt auf den Migrationsprozess vorbereiten

(Auswärtiges Amt 2025: 15).

Das ist Smart Power-Logik: kulturelle Attraktivität, rechtliche Steuerung und ökonomische Interessen werden orchestriert. Vor diesem Hintergrund wird die Fachkräftepolitik zur zentralen Triebkraft. Im Rahmen dieser Strategie übernimmt das AA eine zentrale Rolle. Es definiert die strategischen Leitlinien der AKBP, stellt Fördermittel bereit und schließt internationale Kulturabkommen, um den rechtlichen Rahmen für die Arbeit der Mittlerorganisationen zu sichern (Thomas 2015). Die Abteilung 6 „Kultur und Gesellschaft“ koordiniert ressortübergreifend die kulturelle Auswärtspolitik. Dabei fällt insbesondere den Referaten für „Strategische Kommunikation (607)“ (Auswärtiges Amt 2025: Spalte 12) und für „Auslandskommunikation, Deutschlandbild im Ausland, „Content Factory (608)“ (Auswärtiges Amt 2025: Spalte 12) eine zunehmend steuernde Funktion zu, eben bei der aktiven Gestaltung eines außenpolitisch gewünschten Deutschlandbildes.

Das BMZ gilt als weiterer Schlüsselakteur, da es neben dem AA als einziges Ministerium explizit auf internationale Partnerschaften ausgerichtet ist (Schulte 2000). Aufgrund fehlender eigener Verwaltungsstrukturen arbeitet es mit freien Trägern und Mittlerorganisationen zusammen (Schulte 2000). Ein Schwerpunkt liegt auf der Verknüpfung von Bildungs- und Entwicklungspolitik, insbesondere durch die Förderung beruflicher Bildung und den Ausbau internationaler Fachkräftepartnerschaften, u.a. auch in strategischen Ländern wie Brasilien (Bmz 2025). Über Programme des DAAD und der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) unterstützt das BMZ Stipendien, Forschungskooperationen und medienpädagogische Qualifizierungen (Bmz 2025).

Das BMFTR zielt in seiner Internationalisierungsstrategie auf die globale Sichtbarkeit Deutschlands als Wissenschafts- und Innovationsstandort. Besonders gefördert werden internationale Forschungskooperationen, akademische Mobilität und die gezielte Anwerbung qualifizierter internationaler Studierender und Forschender (BMBF 2019). Mittlerorganisationen wie der DAAD oder die AvH gelten dabei als Schlüsselakteure: Der DAAD fördert jährlich über 120.000 Personen, während die AvH globale Exzellenznetzwerke aufbaut (Bundesregierung 2017). Ziel ist eine enge Verzahnung von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zur gezielten Talentgewinnung.

Die BKM ist schließlich vor allem für die kulturelle Repräsentation zuständig und fördert Projekte im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dieses Feld wird in offiziellen Regierungsdokumenten nicht allein als kulturell, sondern zugleich als wirtschafts- und entwicklungspolitisch relevantes Handlungsfeld beschrieben (Bundesregierung 2020). Die wachsende Bedeutung des Amtes zeigt sich nicht zuletzt im aktuell beschlossenen Rekordetat von 2,5 Milliarden Euro (Bundesregierung 2025). Parallel dazu wurde die institutionelle Struktur durch die Einrichtung des Referats K 56 „Internationale Bezüge der Kulturpolitik“ erweitert. Dazu heißt es:

Mit Einrichtung des Referats K 56 Internationale Bezüge der Kulturpolitik wurde der organisatorische Rahmen geschaffen, um die Aufgabenwahrnehmung in den Bereichen internationale Kulturpolitik, bilaterale und internationale Kulturabkommen und Globaler Süden zu stärken

(Bundesregierung 2025: 12).

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die AKBP auf Makroebene nicht nur ein kulturelles Nebenfeld der Außenpolitik darstellt, sondern institutionell als Smart Power-Architektur implementiert ist. Im Folgenden soll daher betrachtet werden, wie diese strategischen Vorgaben auf der Mesoebene der Mittlerorganisationen umgesetzt werden und welche Handlungsspielräume oder Spannungen dort entstehen.

5.2 Mesoebene: Mittlerorganisationen

In meiner Analyse wird die Mesoebene der AKBP den Mittlerorganisationen zugeordnet, die dieses Handlungsfeld maßgeblich prägen. Hierzu zählen insbesondere das Goethe-Institut (GI), der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA), der Pädagogische Austauschdienst (PAD) sowie die Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH). Daneben existieren fast 600 weitere, zumeist kleinere Einrichtungen (Harnischfeger 2007). Diese Dichte und Vielfalt an Institutionen ist charakteristisch für die Struktur der AKBP: Mittlerorganisationen sind rechtlich selbstständige Einrichtungen, die im Auftrag des Bundes zentrale Aufgaben übernehmen und überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Damit nehmen sie eine Zwischenstellung ein, die Schulz (2000: 1ff.) als „parastaatlichen Verwaltungsträger“ beschreibt. Der Begriff ‚Mittler‘ ist, wie Ammon (2015: 1111) betont, „wohlbedacht“ und verweist auf ihre Funktion als Vermittlungsinstanzen zwischen den strategischen Zielsetzungen deutscher Außenpolitik und zivilgesellschaftlichen, wissenschaftlichen sowie kulturellen Akteuren im In- und Ausland. Die damit verbundene Ambivalenz fasst Krumm (2021: 288) prägnant zusammen:

Aber auch für die in selbständigen Vereinen organisierten Mittlerorganisationen besteht ein Spannungsverhältnis zwischen der in ihren Satzungen garantierten Unabhängigkeit und den politischen Vorgaben und Vorstellungen der finanzierenden Politik, mit denen sie über Delegierte in ihren Gremien und finanzielle Zuwendungen verbunden sind.

Dieses Spannungsverhältnis zeigt sich besonders am Beispiel des Goethe-Instituts. Einerseits betont das Auswärtige Amt (AA), dass die Mittler „im Rahmen der von der Bundesregierung gesetzten Leitlinien […] weitgehende Freiheit der Programmgestaltung“ genießen (Auswärtiges Amt 2004 zit. nach Maaß 2015: 264). Andererseits verweist bereits der bestehende Rahmenvertrag mit dem AA auf eine enge institutionelle Bindung (Goethe-Institut 2004). Darin ist nicht nur die Aufgabenbeschreibung festgelegt, sondern auch ein regelmäßiger Abstimmungsmechanismus: Zwischen dem AA und dem Goethe-Institut finden in regelmäßigen Abständen Besprechungen statt. Gegenstand der Besprechungen ist „die Abstimmung der Planung, der laufenden Programme […] in Bezug auf den […] genannten Rahmen“ (Goethe-Institut 2004: 4). Bereits die Existenz eines solchen Vertrages sowie die festgeschriebenen Konsultationen verdeutlichen, dass die Unabhängigkeit der Mittlerorganisationen nur begrenzt ist und ihre Arbeit eng an außenpolitische Leitlinien rückgebunden bleibt. Diese Einschätzung wird durch neuere Dokumente gestützt. So heißt es etwa in einer Pressemitteilung von 2023:

Das Präsidium des Goethe-Instituts hat gestern eine umfangreiche Transformation der globalen Organisation beschlossen. Grundlage ist ein Zukunftskonzept, das der Vorstand des Goethe-Instituts im strategischen Dialog mit dem Auswärtigen Amt entwickelt hat. Hintergrund der Neuausrichtung sind erhebliche Veränderungen der geopolitischen und finanziellen Rahmenbedingungen. Ziel ist, die Handlungsspielräume für die Kultur-, Sprach- und Informationsarbeit des Goethe-Instituts weltweit zu vergrößern. Auch werden die Digitalisierung und die Aktivitäten im Bereich der Fachkräfteeinwanderung weiter ausgebaut

(Goethe-Institut 2023: Absatz 1; Hervorhebung der Verfasserin)

Daraus lässt sich schließen, dass zentrale Entscheidungen nicht autonom getroffen werden, sondern zum Teil in enger Abstimmung mit staatlichen Vorgaben entstehen. Die Verbindung von Kultur- und Sprachförderung mit arbeitsmarktpolitischen Zielen wird damit nicht nur indirekt hergestellt, sondern explizit zum strategischen Handlungsfeld erklärt.

Noch deutlicher tritt dies im aktuellen Bericht „Deutsch als Fremdsprache weltweit“ (Auswärtiges Amt 2025) zutage. Neben dem akuten Mangel an Deutschlehrkräften wird eine ressortübergreifende Strategie angekündigt, die in Brasilien als Pilotland Lehrkräftequalifizierung, den Ausbau von Studiengängen, Stipendien, die Verknüpfung mit MINT-Fächern sowie Imagekampagnen und Schulnetzwerke zusammenführt. Das Programm Deutsch Lehren Lernen (DLL) des Goethe-Instituts greift diese Leitlinien auf, indem es akademische Strukturen für Deutschlehrkräfte aufbauen und lokale sowie regionale Qualifizierungsmaßnahmen etablieren soll (Auswärtiges Amt 2025). Damit verschiebt sich die Programmatik von einem kulturpolitischen Auftrag hin zu einer arbeitsmarktpolitischen Rahmung: Deutsch erscheint weniger als Medium interkultureller Verständigung, sondern primär als Zugangsvoraussetzung für Ausbildung, Studium und Beruf im deutschen Kontext.

Auch das Programm Dhoch3 des DAAD wird im Bericht ausdrücklich als Teil der Strategie gegen den Mangel an Deutschlehrkräften hervorgehoben (Auswärtiges Amt 2025). Beim DAAD zeigt sich insgesamt eine vergleichbare Entwicklung wie beim Goethe-Institut, wenn auch weniger stark ausgeprägt: Die Organisation rückt zunehmend in die Rolle eines Akteurs im Fachkräftediskurs und verknüpft ihre Programme explizit mit der Qualifizierung und Gewinnung internationaler Studierender und Nachwuchswissenschaftler:innen für den deutschen Arbeitsmarkt. In dem aktuellen DAAD-Positionspapier „Internationale Studierende als Fachkräfte von morgen“ (2023) heißt es unmissverständlich:

Gefördert werden sollen daher künftig Programme, die gezielt auf die Qualifikation internationaler Studierender sowie internationaler Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als Fachkräfte von morgen ausgerichtet sind.

(Daad 2023a: 14)

Konkret verweist der DAAD dabei auf ein geplantes Förderprogramm,

das gezielt auf die Qualifikation internationaler Studierender sowie internationaler Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als Fachkräfte von morgen ausgerichtet ist […]. Daneben sollen weitere Programmformate mit Blick auf die Gewinnung von internationalen Studierenden für Berufsfelder mit besonderem Fachkräftebedarf in Deutschland entwickelt werden.

(Daad 2023a: 14)

Im Unterschied zum Goethe-Institut fällt diese arbeitsmarktpolitische Orientierung beim DAAD jedoch weniger weitreichend aus. Während das Goethe-Institut durch seine enge Einbindung in die Umsetzung des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes (FKEG) direkt in migrationspolitische Steuerungslogiken integriert ist, beschränkt sich die Rolle des DAAD stärker auf die Verteilung finanzieller Mittel, die von der Makroebene (AA, BMZ, BMBF) bereitgestellt werden. Die arbeitsmarktpolitische Rahmung ist hier deutlicher programmatisch gesetzt als im Alltag der konkreten Umsetzung verankert. Nichtsdestotrotz erwähnt auch der DAAD in seiner „Strategie 2030“: „Wir tragen zur Fachkräftegewinnung bei.“ (Daad 2025: 28). Damit entsteht eine teils komplementäre Arbeitsteilung zwischen Goethe-Institut und DAAD: Während das Goethe-Institut durch Sprachkurse und kulturelle Orientierung die sprachlich-kulturellen Voraussetzungen für Migration schafft, übernimmt der DAAD die akademische und berufliche Kanalisierung dieser Mobilität. Kritisch betrachtet ergibt sich daraus ein kohärentes Steuerungsgefüge, in dem internationale Bildungskooperationen zwar im Diskurs von „Partnerschaft“ und „Austausch“ verankert sind, in der Praxis jedoch eng mit migrations- und arbeitsmarktpolitischen Interessen der Bundesrepublik verschränkt werden.11

Dies steht in engem Zusammenhang mit der Fachkräftestrategie der Bundesregierung (2022), die ausdrücklich festhält:

Die Bundesregierung wird weiter daran arbeiten, die über Mittler- und Partnerorganisationen, wie das Goethe-Institut, bestehenden Möglichkeiten zum Erwerb der deutschen Sprache inklusive berufssprachlicher Kenntnisse und zum Ablegen von anerkannten Sprachprüfungen im Ausland auszuweiten.

(Bundesregierung 2022: 11; Hervorhebung der Verfasserin)

Sprachkurse und Prüfungen werden hier klar als Instrumente zur Anwerbung von Fachkräften verstanden. Noch deutlicher heißt es weiter:

Über die Förderung von Deutsch als Fremdsprache an ausländischen Schulen trägt die Bundesregierung dazu bei, dass auch langfristig Bildungsbiografien mit Deutschlandbezug entstehen und potentielle Fachkräfte für eine Arbeitsaufnahme in Deutschland gewonnen werden.

(Bundesregierung 2022: 12)

Schulen der PASCH-Initiative12 sollen dabei besonders gefördert und „mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft“ (Bundesregierung 2022: 12) vernetzt werden, um den „Masterplan“ (Bundesregierung 2024) umzusetzen. Dass Sprachbildung somit direkt mit Arbeitsmigration, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischen Zielsetzungen verknüpft wird, verdeutlicht, wie eng die Arbeit der Mittler in staatliche Steuerungslogiken eingebunden ist.

Die Verortung deutscher Hochschulen auf der Mesoebene begründe ich damit, dass sie über Internationalisierungsprogramme und bilaterale Initiativen wie die Germanistischen Institutspartnerschaften (GIP)13 eng in die AKBP eingebunden sind und durch Austausch- und Stipendienprogramme des DAAD eine zentrale Rolle in der akademischen Vernetzung übernehmen. Diese Einschätzung wird durch die aktuelle Erhebung „Deutsch als Fremdsprache weltweit“ des Auswärtigen Amts (2025) unterstrichen, in der Programme zur Stärkung der internationalen Germanistik, einschließlich GIP, sowie internationale Hochschulkooperationen ausdrücklich als notwendige Maßnahmen gegen den globalen Lehrkräftemangel hervorgehoben werden (Auswärtiges Amt 2025). Hochschulen prägen damit nicht nur operative Strukturen, sondern auch Inhalte und Wissensbestände, die, wie Foucault (2005) hervorhebt, stets durch Diskurse, Institutionen und Machtverhältnisse konstituiert sind.

5.3 Mikroebene: Lokale Akteure im brasilianischen Kontext

Auf der Mikroebene fasse ich die deutsche AKBP in ihrer konkreten Umsetzung, also auf der Ebene einzelner Bildungsangebote. Während auf der Makro- und Mesoebene strategische Leitlinien formuliert und über Mittlerorganisationen wie das Goethe-Institut oder den DAAD vermittelt werden, entscheidet sich in der lokalen Praxis, sei es in der Hochschule oder in der Lehrendenfortbildung, ob und wie diese Vorgaben wirksam werden. Aus analytischer Perspektive lässt sich zeigen, dass die Realisierung der Programme auf der Übernahme deutscher Konzepte durch brasilianische Akteure beruht. Dadurch verschiebt sich ihre Rolle von eigenständiger Gestaltung hin zur Reproduktion eurozentristischer Vorgaben. Im Zentrum dieses Beitrags stehen die Programme Deutsch Lehren Lernen (DLL) und Dhoch3, die exemplarisch für diese Verschiebung stehen.

DLL ist ein vom Goethe-Institut entwickeltes Fortbildungsprogramm, das modular aufgebaut ist und weltweit zur Professionalisierung von Lehrkräften eingesetzt wird. Es verbindet Theorie und Praxis, etwa durch Module zu Beobachtung, Curriculumsplanung oder Unterrichtsgestaltung. In Brasilien wird DLL in Kooperation mit Universitäten und Lehrerverbänden implementiert und hat sich zu einem festen Bestandteil der Weiterbildung von Deutschlehrkräften entwickelt (Voerkel, Ferreira & Da Silva 2022).

Dhoch3, ein DAAD-Programm, stellt zehn digital verfügbare Module für den Bereich Deutsch als Zusatzsprache bereit, die sich flexibel in bestehende Curricula integrieren lassen. Sie adressieren aktuelle Entwicklungen wie die stärkere Ausrichtung auf berufsbezogenes Deutsch und die Nachfrage nach studienbegleitendem Sprachunterricht und tragen zugleich zur Digitalisierung hochschulischer Lehramtsausbildung bei (DAAD o. J.).

In der Erhebung „Deutsch als Fremdsprache weltweit“ (Auswärtiges Amt 2025) wird die strategische Bedeutung von DLL und Dhoch3 besonders hervorgehoben. Es wird betont, dass der akute Mangel an Deutschlehrkräften nur durch eine umfassende Lehrkräftestrategie adressiert werden kann, die über einzelne Fortbildungsmaßnahmen hinausgeht. DLL und Dhoch3 gelten dabei als Kerninstrumente, die zugleich die Kooperation verschiedener Mittlerorganisationen bündeln:

Notwendige Strategien gegen den Lehrkräftemangel [im Ausland – Anmerkung der Verfasserin] umfassen u.a.:

Ausbau und qualitative Stärkung der Lehrkräfteaus- und Fortbildung durch Programme wie „Deutsch Lehren Lernen (DLL)“ und “Dhoch3”

Kooperationen mit Goethe-Institut, DAAD, ZfA

(Auswärtiges Amt 2025: 16)

Die Implementierung fällt in Brasilien nicht auf unvorbereitete Strukturen: Beide Programme sind dort nicht nur bekannt, sondern zum Teil bereits fest in den Bildungsinstitutionen verankert (Voerkel, Ferreira & Da Silva 2022; Voerkel & Soethe 2023). Gerade dies erleichtert die Implementierung deutscher Strategien, wirft aber zugleich die Frage auf, inwieweit brasilianische Institutionen dabei eigenständige Handlungsspielräume behalten oder primär als reine Implementationsinstanzen fungieren. Am Beispiel von DLL und Dhoch3 zeigt sich damit exemplarisch, wie stark die Mikroebene, also die konkrete Umsetzung an brasilianischen Hochschulen, durch makro- und mesopolitische Setzungen geprägt ist. Zwar erscheinen die Programme auf den ersten Blick als dezidiert lokale Bildungsangebote, tatsächlich sind sie jedoch epistemisch wie organisatorisch extern definiert: Curricula, Standards und Qualitätskriterien stammen aus Deutschland, die brasilianische Seite fungiert primär als Rezipient. Kritisch betrachtet handelt es sich um eine Form epistemischen Kolonialismus: Wissen und Standards werden in Deutschland produziert, in Brasilien übernommen und dort als Referenzrahmen etabliert.

Die Folgen sind ambivalent. Einerseits profitieren Lehrkräfte durch die Professionalisierung und internationale Vernetzung, andererseits geraten sie in eine Rolle, in der sie vor allem jene Kompetenzen weitergeben, die im Kontext des deutschen Arbeitsmarktes nachgefragt sind. Damit verschiebt sich die Programmatik von einer kulturpolitischen hin zu einer arbeitsmarktpolitischen Logik: Deutschunterricht dient weniger der kulturellen Teilhabe im Herkunftsland, sondern zunehmend der Vorbereitung auf Studium, Beruf und Migration in Deutschland. Besonders deutlich zeigt sich dies an der Multiplikatorfunktion der Lehrkräftebildung: Werden brasilianische Lehrkräfte mit Materialien und Curricula aus DLL und Dhoch3 geschult, reproduzieren sie das darin verankerte Wissen – von didaktischen Standards bis hin zu Bewertungsmaßstäben, die stark auf deutsche Zertifikate, Prüfungsformate und berufliche Verwertbarkeit zugeschnitten sind. Für Lernende kann sich dadurch die Bedeutung des Deutschlernens verschieben: weg von lokal verankerten Bildungs- und Kulturperspektiven hin zu einem stärker instrumentellen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. In der Konsequenz entstehen epistemische Abhängigkeiten und migrationspolitische Effekte. Folglich kann dies dazu führen, dass Deutschlehrkräfte in Brasilien dazu beitragen, dass genau jene Qualifikationen vermittelt werden, die im Kontext des deutschen Fachkräftediskurses nachgefragt werden. Dies kann Abwanderungstendenzen verstärken und trägt potenziell zur Reproduktion globaler Ungleichheiten im Austausch von Wissen und Arbeitskraft bei.

6 Fazit und Ausblick

Die Analyse der deutschen AKBP im brasilianischen Kontext verdeutlicht, dass sich das klassische Verständnis von Soft Power in diesem Politikfeld zunehmend verschiebt. Während die AKBP sich diskursiv weiterhin als Instrument weicher Macht präsentiert, getragen von Leitbegriffen wie „Offenheit“ (Auswärtiges Amt 2025: 36) und „Partnerschaft“ (Auswärtiges Amt 2025: 3). Zugleich zeigt die empirische Betrachtung auf Makro-, Meso- und Mikroebene eine deutliche Einbindung in arbeitsmarkt- und migrationspolitische Steuerungslogiken.

Auf der Makroebene wird die institutionelle Struktur der AKBP ressortübergreifend in eine Smart Power-Architektur eingebettet: Deutsch wird als „Schlüsselfaktor für Integration und Teilhabe“ (Auswärtiges Amt 2025: 3) definiert und explizit mit der Fachkräftesicherung verknüpft. Sprachförderung erscheint hier nicht mehr als Selbstzweck kultureller Verständigung, sondern als strategisches Instrument, um geopolitische und ökonomische Ziele durchzusetzen.

Auf der Mesoebene zeigt sich diese Rahmung in der Arbeit der Mittlerorganisationen. Während sie nach außen ihr Wirken weiterhin mit Begriffen wie „Kooperation“ (Goethe Institut 2022: 23) und „Austausch“ (Goethe Institut 2022: 21) legitimieren, sind sie faktisch immer stärker in die Umsetzung der Fachkräftestrategie eingebunden. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Goethe-Instituts, das seine Sprach- und Bildungsangebote in enger Abstimmung mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz positioniert. Der DAAD weist eine vergleichbare, wenn auch weniger stark institutionalisierte Entwicklung auf, indem er internationale Studierende explizit als „Fachkräfte von morgen“ (DAAD 2025: 21) adressiert.

Auf der Mikroebene schließlich verdeutlichen die Programme DLL und Dhoch3, dass deutsche Curricula, Standards und Qualitätsmaßstäbe in Brasilien implementiert werden (sollen), wobei brasilianische Akteure primär als Rezipient:innen und Reproduzierende von Wissen fungieren. Dadurch entstehen epistemische Abhängigkeiten, die lokale Bildungstraditionen in den Hintergrund treten lassen und die Rolle des Deutschlernens zunehmend auf eine Qualifikationsressource für den deutschen Arbeitsmarkt verengen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die deutsche AKBP im brasilianischen Fachkräftediskurs nur eingeschränkt als klassische Soft Power verstanden werden kann. Sie folgt vielmehr einer Logik von Smart Power, in der kulturelle Attraktivität gezielt mit migrations- und arbeitsmarktpolitischen Instrumenten verknüpft wird. Die Ambivalenz besteht darin, dass die AKBP zwar weiterhin mit dem Anspruch wechselseitiger Verständigung auftritt, in der Praxis jedoch asymmetrische Steuerungsmechanismen (re-)produziert, die primär deutsche Interessen bedienen. Damit zeigt die Analyse zweierlei: Erstens, dass Soft Power nicht verschwindet, sondern in eine breitere Smart Power-Logik integriert wird, in der Kultur und Bildung als Ressource einer strategisch gesteuerten Migrations- und Fachkräftepolitik dienen. Zweitens, dass dieser Bedeutungswandel Spannungsfelder erzeugt – zwischen Partnerschaft und Steuerung, zwischen Attraktivität und Instrumentalisierung, zwischen kultureller Verständigung und geopolitischem Interesse. Diese Ambivalenzen sichtbar zu machen ist nicht nur ein analytisches Anliegen, sondern auch ein notwendiger Impuls für eine kritische Neubewertung der deutschen AKBP im Globalen Süden.

  • 2
    Die Begriffe ‚Globaler Norden‘ und ‚Globaler Süden‘ werden häufig verwendet, um globale Machtverhältnisse und Ungleichheiten zu benennen, sind jedoch nicht unproblematisch. Sie greifen auf vereinfachende geographische Dichotomien zurück, die komplexe historische, kulturelle und politische Realitäten verzerren und Unterschiede innerhalb der Kategorien unsichtbar machen. Trotz ihrer kritischen Intention können sie stereotype Weltbilder stabilisieren und koloniale Denkmuster fortschreiben, ähnlich zu den historisch belasteten Konzepten wie ‚der Westen‘ oder ‚westliche Welt‘ (Hall 1994; Grosfoguel 2007). Vorliegend wird dieser Begriff dennoch verwendet, da er trotz seiner Verkürzungen ein analytisches Werkzeug bietet, um auf globale Machtasymmetrien aufmerksam zu machen und ungleiche Strukturen sichtbar zu machen.
  • 3
    Im deutschsprachigen Fachdiskurs findet sich vereinzelt die Bezeichnung „Deutsch als weitere Sprache“, der sich bisher kaum etabliert hat (Heinemann 2022). Ein wesentlicher Grund liegt meines Erachtens in der unhandlichen und phonetisch wenig anschlussfähigen Abkürzung ‚DaW‘, die im Vergleich zu anderen etablierten Kürzeln der „Deutsch-als…“-Terminologie kaum sprechbar ist. Da sich Abkürzungen in diesem Feld nicht nur schriftlich, sondern auch im mündlichen Gebrauch durchsetzen, führe ich im Folgenden stattdessen das Akronym ‚DaZu‘ (Deutsch als Zusatzsprache) ein. Diese Neuschöpfung dient einerseits der klaren Abgrenzung von dem etablierten Kürzel DaZ (Deutsch als Zweitsprache), andererseits spielt sie bewusst auf das deutsche Adverb ‚dazu‘ an – im Sinne einer zusätzlichen, ergänzenden Komponente. Diese sprachliche Referenz unterstreicht die Idee, dass Deutsch nicht als dominante oder exklusive, sondern als ergänzende Sprache verstanden werden soll, die sich in das bereits vorhandene Sprachenrepertoire der Lernenden einfügt, ohne andere Sprachen zu verdrängen. Die Wahl des Begriffs ‚Zusatzsprache‘ trägt darüber hinaus der Komplexität des Sprachenlernens in einer globalisierten, plurilingualen Welt Rechnung. Er vermeidet geografische oder hierarchisierende Zuschreibungen, wie sie mit Begriffen wie ‚Fremdsprache‘, ‚Lingua franca‘ oder ‚Muttersprache‘ verbunden sein können (Leffa, Irala 2014; Dobstadt 2018; Uphoff 2021). Zugleich berücksichtigt er individuelle sprachliche Biografien, bspw. die Anzahl und Art bereits gesprochener Sprachen und schließt auch Herkunfts- und indigene Sprachen explizit mit ein. Damit ermöglicht der Begriff eine Perspektive auf Sprachlernen, die Vielfalt anerkennt, statt sie normativ zu ordnen (Schlatter, Garcez 2009; Dobstadt 2018).
  • 4
    Die Auswärtige Sprach(en)politik (ASP) ist Teil der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP). Der Klammerplural verweist auf eine Unterscheidung im deutschsprachigen Diskurs: Während ‚Sprachpolitik‘ oft als übergeordneter Begriff verwendet wird, bezeichnet ‚Sprachenpolitik‘ explizit Maßnahmen, die das Verhältnis mehrerer Sprachen zueinander betreffen. Eine strikte Trennung ist jedoch problematisch, da sie sprachliche Grenzen voraussetzt, die in der Praxis nicht immer trennscharf sind (Marten 2016). Im Folgenden verwende ich bewusst den Begriff ‚Sprachenpolitik‘, um die Relationalität sprachlicher Ordnungen hervorzuheben. Sprachen stehen meines Erachtens nie isoliert, sondern stets in gesellschaftlich, historisch und politisch gerahmten Verhältnissen zueinander, insbesondere im Kontext kolonialer Geschichte, in dem sprachliche Dominanz, Verdrängung und Hierarchisierung zentrale Mittel der Machtausübung waren (und sind). Auch heute werden sprachenpolitische Entscheidungen in einem mehrsprachigen, global verflochtenen Kontext getroffen, in dem sprachliche Vielfalt zunehmend politisch verhandelt wird.
  • 5
    Dies zeigte sich bspw. im kolonialen Deutsch-Südwestafrika (1884–1915, heute Namibia): Während Deutsch als Verwaltungs- und Siedlersprache fungierte, wurde die afrikanische Bevölkerung nicht systematisch in dieser Sprache unterrichtet. Bildungsangebote blieben größtenteils den Missionsgesellschaften überlassen, die überwiegend lokale Sprachen einsetzten (Schaper 2019).
  • 6
    Die Good Neighbor Policy war eine außenpolitische Strategie der Vereinigten Staaten unter Präsident Franklin D. Roosevelt in den 1930er und 1940er Jahren. Sie zielte darauf ab, das Verhältnis zu den lateinamerikanischen Staaten auf eine kooperative, nicht-interventionistische Grundlage zu stellen. Anstelle militärischer oder ökonomischer Dominanz setzte die Politik auf kulturelle Diplomatie, wirtschaftliche Partnerschaften und die Förderung wechselseitiger Sympathie durch populärkulturelle Medien. Zé Carioca wurde im Auftrag des Office of the Coordinator of Inter-American Affairs (OCIAA) von Walt Disney entworfen.
  • 7
    „Em vez de porta-aviões, os americanos hoje mandam Michael Jackson e Madonna para dominar o Brasil“ (Suassuna zit. nach Mesquita 2025, Übersetzung der Verfasserin).
  • 8
  • 9
    Ammon (1989) versteht unter ‚Sprachverbreitungspolitik‘ politische Maßnahmen zur Ausweitung einer Sprache auf neue Sprechergruppen und Anwendungsfelder sowie zur Stabilisierung von Sprecherzahlen. Im Unterschied zur pädagogisch ausgerichteten Sprachförderung betont der Begriff die strategische, auch transnationale Dimension, die einer Macht- und Interessenlogik folgt (ibid.).
  • 10
    Wie der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union festlegt (Artikel 167), liegt die Kulturhoheit gemäß den EU-Verträgen grundsätzlich bei den Mitgliedstaaten; die EU besitzt in diesem Bereich lediglich unterstützende und koordinierende Kompetenzen.
  • 11
    Diese Beobachtung wird in meiner laufenden Dissertation mithilfe der wissenssoziologischen Diskursanalyse (Keller 2011a, 2011b) vertieft, die untersucht, wie derartige Begrifflichkeiten im öffentlichen Diskurs verwendet werden und welchen Einfluss diese diskursiven Verknüpfungen auf die universitäre Deutschlehrendenausbildung in Brasilien haben.
  • 12
    Die PASCH-Initiative („Schulen: Partner der Zukunft“) ist ein weltweites Bildungsprogramm der deutschen AKBP. Sie wurde 2008 vom Auswärtigen Amt ins Leben gerufen, um langfristig das Interesse an der deutschen Sprache und Kultur zu fördern und Deutschland als Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort zu positionieren (Auswärtiges Amt 2019).
  • 13
    Die Germanistischen Institutspartnerschaften (GIP) sind ein Förderprogramm des DAAD im Rahmen der AKBP. Ihr Ziel ist die langfristige strukturelle Zusammenarbeit zwischen germanistischen Instituten an deutschen Hochschulen und ihren Partnerinstitutionen im Ausland (Daad 2023b).

Erklärung zur Datenverfügbarkeit

Nicht zutreffend.

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  • Editor:
    Ebal Bolacio

Publication Dates

  • Publication in this collection
    20 Apr 2026
  • Date of issue
    2026

History

  • Received
    18 Sept 2025
  • Accepted
    26 Nov 2025
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Universidade de São Paulo | Faculdade de Filosofia, Letras e Ciências Humanas | Departamento de Letras Modernas | Área de Lingua e Literatura Alemã Av. Prof. Luciano Gualberto, 403 - Cidade Universitária, CEP: 05508-900 - São Paulo - SP - Brazil
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